Nachwort

Es gibt Bier auf Hawaii

Manuela Reichert

„Der Bierkrug macht uns klüger“ dichtete Johann Wolfgang von Goethe und Hildegard von Bingen schwor aufs Bier zur Regeneration der Seelenkräfte. Für Kopf und Herz ist die Wirkung also verbürgt. Deswegen gehört das Bier für viele Menschen nicht nur zu den Grundnahrungsmitteln, sondern einfach zu einem ausgefüllten Leben. Nicht umsonst sang Paul Kuhn 1963, in einer Zeit also, in der eigentlich jeder in die Ferne gereist wäre, wenn er nur gekonnt hätte, dass er auf keinen Fall nach Hawaii wolle, weil es dort kein Bier gäbe. Adornos berühmtes Verdikt war hier populär und grundständig umgesetzt: Es kann kein richtiges Leben im falschen, keines also im bierlosen Land geben. Zumindest für Hawaii war das eine Fehlinformation, die bis heute in unseren Köpfen mit der eingängigen Melodie spukt, denn dort gibt es nicht nur Bier, sondern auch Brauereien – und das schon seit über 100 Jahren. 

Bier wird selbstverständlich auch dort getrunken, wo man es auf den ersten Blick nicht vermutet, in einer Bar, die nicht nur die besten Cocktails, sondern auch das richtige Bier haben muss. Nicht zuletzt deswegen und weil viele Künstlerfreunde entschiedene Biertrinker sind, findet hier ein Projekt seinen Fortgang, das vor fünf Jahren mit einer besonderen Kunst- und Literaturidee begonnen hatte: Zweiundfünfzig Künstler und Autoren hatten ihre Cocktail-Phantasien umgesetzt – in Bild und Wort. Honoriert wurde angemessen und großzügig: Die Berliner Bar am Lützowplatz, die seit 19 Jahren eine der wichtigen Bar-Adressen der Stadt ist, zahlte in Naturalien. Jeder Künstler, jede Künstlerin durfte (und darf) hier zweiundfünfzig Jahre lang jeden Abend einen Cocktail trinken, in Begleitung natürlich, denn wer will schon alleine trinken. Ein höheres Honorar wurde wahrscheinlich in der Literaturgeschichte für ein Gedicht nie gezahlt. Aber jenseits von Superlativen sorgte die Bar am Lützowplatz damit in krisengeschüttelten Zeiten auch für eine sichere existentielle Grundversorgung. Allerdings gab es hier Einwände: Cocktails seien eher Luxus, Bier dagegen sei die Basis, ein Getränk, das - anders als Cocktails – ästhetisch Getrennte ebenso verbindet wie Erfolgsverwöhnte und  –verschmähte. Bier gilt als demokratisches Getränk schlechthin. So ging es in die nächste Runde. Zweiundfünfzig Wochen hat das Jahr, zweiundfünfzig sollten es deswegen wieder werden, die sich dem Bier stellen, Schriftsteller und Maler, Autorinnen und Fotografen. So war’s geplant, aber Bier macht zahlenselig, zumindest den Kunst-Kurator Peter Glückstein, der sich nicht ans Maß halten wollte und konnte - angesichts all der bierbeseelten Bilder, die ihm von begeisterten Künstlern und Künstlerinnen eingereicht wurden. Er verdoppelte den Einsatz. Deswegen sind die Texte dieses Mal in der Minderheit: Zweiundfünfzig werden eingerahmt von zwei Mal zweiundfünfzig Bildern Ob man daraus gleich den Schluss ziehen sollte, Autoren trinken weniger Bier als Maler? 

Vorgaben wurden übrigens nicht gemacht, alles war erlaubt, was das Bier an Phantasien freisetzt und auch Bierabstinente waren zugelassen. Allein das Bild-Format stand fest: 100x80. Die Bilder werden ein Jahr lang auf Tournee gehen, in Galerien und Kunstvereinen zu sehen sein. Das Honorar ist wieder angemessen und variiert den guten alten Bierdeckel. Jeder Beteiligte hat 1000 Biere in der Bar am Lützowplatz frei, zu trinken in kleinen oder großen Dosen, zu zweit oder in vielzähliger Runde, für jedes Bier gibt’s einen Strich. Und weil Bier nicht gleich Bier ist und hier Begabung und Können ebenso zählen wie in der Kunst, wurden allein Qualitätsbrauereien ins Boot geholt. Sie wurden auf diese Weise zu den allerbesten Sponsoren: Sie stellen das flüssige Honorar zur Verfügung. Ist das Bier der einen Brauerei ausgetrunken, kommen die Fässer der nächsten angerollt. Auf diese Weise können Geschmacksentdeckungen gemacht werden, denn Bier ist ja hell oder dunkel, süß oder herb, trüb oder klar, stark oder schwach, über- oder untergärig. Alle Sorten eint aber offenbar – wenn man neuesten Studien glaubt -, dass sie ein probates Mittel gegen das Herzinfarktrisiko und gegen Arteriosklerose sind. Gesund ist es also auch noch, dieses Grundnahrungsmittel, -  und dieses Buch deswegen nicht nur ein Bilder- und Lese-, sondern auch ein Medizinbuch der besonderen Art.

Jean Paul, der größte unter den schreibenden Biertrinkern - der seinen Wohnort nicht zulezt nach der Qualität des Bieres auswählte - nannte es nicht umsonst:  "Seelentrank", "Magen-Balsam", "vorletzte Ölung", "Weihwasser" und schlicht eine "bedeutenden Sache".