Prolog

Ausäpfelamen

Herbert Achternbusch

Die Türme der Münchner Frauenkirche, es sind zwei und nicht sieben, also auch nicht gemütlich, wie neulich ein aus dem Norden eingeschleuster Reporter meinte – die mit ihrer Sitzwannenkultur – als hätten wir von den Römern nicht mehr gelernt als die, die wir den Dativ auch ohne Akkusativ zu benennen wissen. Also, um zu den beiden Türmen unserer Frauenkirche zurückzukehren, die gehören nämlich unserem Bürgermeister, der, nachdem er den Vorsitz des deutschen Städtetages wieder abgeben musste, sich ganz und geschlossen der Restaurierung der beiden siebenhundertjährigen Türme widmet. Zuerst der rechte, der Nordturm, dessen eingerüstetes Aussehen heute nicht zu sehen ist, weil die Türme, und daran würde auch eine Vielzahl nichts ändern, im Nebel nicht zu sehen sind, und das heute am 15. Mai, dem Wonnemonat. Wenn ich sie sehe, den einen, sagen wir den Südturm, dann auch durch die Reflexion meines geöffneten Innenfensters, was natürlich den Taubenflügen die Richtung umkehrt. So dass ich, meine Vorstellungskraft zu schulen, immer wieder umdenken muss, bis ich mir das Richtige bzw. das Gekonterte nicht mehr vorstellen mag. Dazu kommen die Witterungsverhältnisse, den Nebel haben wir schon erwähnt, die der Jahreszeit gar nicht mehr beizuordnen sind. So gehen die Münchner in der Innenstadt nur aus zwei Gründen ins Wirtshaus. Trinken wir, pflegen sie zu sagen, noch eine Halbe, weil man die Türme nicht sieht. Oder trinken wir noch eine Halbe, weil man die Türme wieder sieht. Die Sumpfsäufer brauchen keinen Anlass mehr zum Biertrinken. Ein ehemaliger Bankdirektor, der nicht mehr fähig war, was zu essen, nur zur späteren Stunde auf seinem Keimgummi kaute, dem genügte das eine Wirtshaus nicht. Er tröstete sich bereits am Vormittag am Viktualienmarkt und überquerte erst am Spätnachmittag die Straße im Tal zum Schneider, der auch Weißes Bräuhaus heißt. Zu ergründen, welcher Name der häufiger genannte ist, führt zu weit, das hat zwar mit Dialektgebräuchlichkeit zu tun wie bei Susi und Peter, ist aber nicht völlig von der Tageskondition abzukuppeln, die im Verlauf des Abends und des Bierkonsums verschiedensten Begleitumständen nicht zu verfehlen ist.

Was sagst du denn schon wieder! Stell dich nicht immer dümmer als du bist.

Immer geht das nicht. Beim besten Willen!