Le Fond St. Escargot
Barbara Bongartz

Ausgerechnet Bier. Noch nie in meinem Leben brachte ich einen Tropfen davon über die Lippen. Wer sich nicht entfernt vorstellen kann, was ich meine, möge daran denken, daß  W.C. Fields das Trinken von Wasser mit dem Hinweis verwarf, daß darin Fische ficken würden. Nicht unähnlich, wenn auch dem Kern der Geschichte entsprechend trauriger, ist mein Verhältnis zu Bier.

Ich wuchs in Frankreich auf. Es war eine gottverlassene Gegend. In Deutschland kann man sich das allenfalls vorstellen, wenn man aus der Uckermark kommt. Wir lebten auf etwas, für das der deutsche Begriff „Gut“ bei weitem zu pompös, vor allem aber zu solide ist. Das Haupthaus hatte dicke Mauern, in deren Ritzen Siebenschläfer wohnten. Innen war es feucht und im Winter so kalt, daß man den eigenen Atem gespensterähnlich fliegen sah. Die verkommenen Nebengebäude lagen verstreut auf matschigem Terrain mit Wiesen, Bachläufen, angrenzendem Wald. In unübersichtlicher Entfernung konnte man eine Landstraße ahnen. Der Bus nach Rouen hielt zweimal am Tag, morgens und abends.

Mein Vater hatte den angeblichen Besitz geerbt. Ebenso standhaft wie unvernünftig weigerte er sich, das Elend zu verkaufen. Er hing hündisch an jeder ausgetretenen Treppenstufe, obwohl er an diesem Ort gar nicht aufgewachsen war. Wir alle meinten, es sei die pure Niedertracht seines Paten gewesen, die ihn das verkommene Anwesen erben ließ. Er behauptete noch auf seinem Totenbett, das Wasser aus unserem Fischbach hätte den besten Forellen der Welt als Kinderstube gedient. Wegen Papas Sentimentalität mußten wir das Ungetüm bewohnen. Vermutlich hätte er ohnehin nichts für das château – wie es in unserer Gegend der absurden Ausmaße wegen hieß – bekommen, denn im Departement gab es einige solcher Monstren auf verwildertem Boden, alle mehr oder minder groß, alle mehr oder minder ruinös, alle mehr oder minder château. Auch die anderen Besitzer hatten kein Geld, die wuchtigen Gebäude in Stand zu halten. Die meisten hatten nicht einmal das Geld, die Kamine zu feuern.

Mein Vater war Anwalt und arbeitete in Paris. Daher kamen die Beträge, von denen wir unseren Alltag zwischen feuchten Matratzen und holzwurmzerfressenen Möbeln bestritten. Das war lange bevor an E-Mail, Internet und iPod überhaupt zu denken war. Kein Fernsehen zur Unterhaltung, nur schimmelgefährdete Bücher, das verstimmte Klavier und ein Radio. Das einzige Telephon stand in der Küche. Wenn es nicht gerade einen Kurzschluß hatte, drang sein jämmerliches Läuten durch die Hallen und Gänge. Bis man in der Küche war, wenn man gerade oben die Betten bezog, war sein Ruf verreckt. Man ging unverrichteter Dinge wieder nach oben. Dort war ein Salon, der größte im Haus. Er stand leer, weil wir nicht genug Möbel besaßen. Hier hatten wir für den Winter einen Minigolf-Parcours improvisiert. Papa kam nur an den Wochenenden nach Hause, was unsere Mutter nicht gerade fröhlich stimmte. Vermutlich unnötig zu sagen, daß wir Haus und Umgebung als Kinder nie verließen. Wir wurden, was damals in Frankreich möglich war, von Mama zu Hause unterrichtet. Als meine älteren Brüder reif fürs Gymnasium waren, kamen sie aufs Internat, denn das nächste Lyzeum lag mehr als zwei Stunden Busfahrt von der Haltestelle weg, zu der man zu Fuß zwanzig Minuten brauchte. Als Kind kannte ich nichts als unsere Wiesen, den Bachlauf, das modrige Haus, die halbverfallenen Schuppen. Natürlich ging ich davon aus, daß alle anderen Menschen genauso lebten wie wir, dasselbe aßen (chausson de St. Jacques und écrevisses im Sommer, colin à la granvillaise im Winter, dazu Brot, Käse, grünen Salat), dasselbe tranken (die Kinder Wasser, die Eltern Wein) und dieselben Alpträume hatten (mein schlimmster war, von einem Baum zu fallen und mitten in einem Nest von Nacktschnecken zu landen).

Ich war ungefähr fünf, meine Geschwister sowohl ein paar Jahre älter als auch jünger als ich, als Mama darauf verfiel, einen Teil von Le Fond St. Escoville als Garten anzulegen. Was aus einem weinseligen Einsamkeitsgefühl heraus entstand, entwickelte sich schnell zur ehrgeizigen Vision. Mit dem trägen Alltag in den Wiesen war es vorbei. Von nun an arbeiteten wir am Paradies. Als ich sieben war, blühten prächtige Stauden, wo wir uns drei Jahre zuvor noch die nackten Beine an Nesseln verbrannt hatten. Das Ganze sah wundervoll aus, auch wenn ich damals noch andere Leidenschaften als schöne Aussichten hatte. Aber schon im ersten Jahr der üppigen Blüte wurde die wohlüberlegte Komposition zerstört. Da Mama nie zuvor einen Garten, geschweige einen Staudengarten gehabt hatte und alles sichtlich ruhig und hörbar geräuschlos zuging, dauerte es einige Zeit, bis ihr klar wurde, wer gegen die Blüten ins Feld zog: Schnecken. Sie waren überall, die nackten, von denen ich immer träumte. In den Feuchtgebieten fanden sie ohnehin gute Ausgangsbedingungen vor. Da es nun bei uns das ideale Futter gab, fraßen sie sich dick und paarten sich ununterbrochen. Wir hatten Schnecken im Garten, die so groß wie Schweinefilets waren und gefährlicher als Bananenschalen. George rutschte das eine oder andere Mal auf so einer Ferkellende aus und klagte noch Tage später über Schmerzen im Rücken. Man hätte Ragout von ihnen kochen können, wären sie nicht ungenießbar gewesen. Als Mama herausfand, wer die Stauden fledderte, drehte sie fast durch vor Zorn. Es sprach sich in der Gegend herum, und man witzelte über uns als Le Fond St. Escargot, Schneckenland, bis endlich jemand Erbarmen mit uns hatte und Mama erklärte, wie der Epidemie Einhalt zu gebieten sei.

So kamen wir ans Bier. Es wurde im Geräteschuppen gelagert. Vor den Spaten, Rechen, Hacken und Harken stand auf einem Holzklotz neben der Schubkarre von nun an das Bier. Auf dem Faß prangte, von Mamas eigner Hand gemalt, ein riesiger weißer Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen darunter. Ins Faß wurde ein Hahn gehauen, anstechen nannte man das, darunter eine Schlüssel gestellt, um die Tropfen aufzufangen. Jeden Tag in der Abenddämmerung von März bis November zapften wir Kinder, die noch nicht das Glück hatten, in einem fernen Internat aufre-gende Dinge zu lernen, nun dieses übelriechende, schäumende Zeug in eine Kanne und schwärm-ten in den Garten aus. Das allerdings war noch nicht das Ekelhafteste im Paradies. Das Ekelhaft-este war der ungefrühstückte Morgen eines herrlichen Sommertags. Vor Schokolade und Brot nämlich mußten wir wieder ausschwärmen, dieses Mal mit Eimern. In die Eimer leerten wir die Suppe, die sich über Nacht eingebrockt hatte. Schnecken verlassen in der Abenddämmerung ihre Nischen und schleimen sich an ihre Lieblingsblumen heran. Mehr noch als Stockrosen, Lupinen, Günsel und Rittersporn aber lieben sie Bier. Der Geruch allein zieht sie an. Wie die Lemminge kriechen sie auf die halbgefüllten Gläser zu, die Wände hoch, plumpsen hinein – und ersaufen. Das Ergebnis ist Suppe à la neige brune. Die Eimer wurden im Wirtschaftsgarten unweit der Kompostmieten in ein großes Loch geleert. In dem Massengrab schwammen Hunderte von  Schneckenkadavern, täglich kamen Dutzende dazu. In dieser Zeit änderte sich mein Alptraum. Ich fürchtete nicht mehr, vom Baum, sondern in dieses Loch zu fallen und in dem biergiftigen Schneckenschleim zu ertrinken. Nachdem wir die Gläser geleert hatten, wurden sie gründlich ausgespült und warteten, umgedreht mit der Öffnung zum Boden, den Tag über bis zum Abend darauf, daß wir sie in der Dämmerung verteilten, um sie erneut mit Bier zu füllen. Es dauerte keinen Monat, und unser Garten blühte wieder auf. Wir waren schneckenfrei, wenn auch um den Preis des schleimigen Giftsees im Wirtschaftsgarten, mit dessen Inhalt, so nahm ich an, man ganze Dynastien hätte ausrotten können.

Irgendwann kam auch ich nach Rouen aufs Internat. Ich hielt es zunächst für einen geschmack-losen Witz, als ich in einem Café auf einer Tafel angezeigt fand, wieviel Francs ein Bier kosten würde. Etwas später sah ich, daß es tatsächlich von Menschen getrunken wurde – wenn auch längst nicht in den Mengen, die man in Deutschland konsumiert. Ich habe mich, wie gesagt, nie überwinden können. Bier? Schnecken sterben darin!

 

geboren 1957, lebt in Berlin. Zuletzt sind die Romane „Der Tote von Passy“ (2007) und „Perlensamt“ (2009) erschienen.