Der Augenschein hilft bei dieser Sache überhaupt nicht, die Erkundung muß im Inneren stattfin-den, deshalb fackelten wir auch nicht lange, sondern schickten die ersten Liter auf den Weg. Windhuk begann auch irgendwann zu sprechen: „Die Bierkunde der Neuzeit leidet an einem großen Mangel: Sie studiert das Bier aufs eingehendste nach allen Richtungen hin, zersplittert und zertrümmert es fast in Atome und verliert sich dabei in Haarspaltereien, Spitzfindigkeiten und damit in allerlei Systeme.“ Eine Pause füllte er mit einem Trinkgeräusch, war das deshalb eine Trinkpause? Das verhielt sich wohl wie mit den Untiefen. Mir gefiel auch die Stelle, an der von den Atomen die Rede war, sehr gut. „Über dem wenigen Wesentlichen und dem vielen Unwesentlichen, das die Wissenschaft dabei herausbringt, vergißt sie aber die Hauptsache, nämlich die uralte Wahrheit, die alle Naturvölker erkannt haben, und die dem unbefangenen Laien nie abhanden gekommen ist, daß das Bier das belebende Prinzip des Organismus darstellt (Trinkpause) und daß das Leben entflieht, sobald das Bier aufhört.“ Diese uralte Überzeugung, einst Consensus omnium, teile auch ich. Ob man sich dabei das Bier als eigenes Wesen oder als die bewegende und belebende Kraft vorstellt, ist unerheblich. „Ich stelle daher scharf in den Vordergrund: Das Wesen des Bieres ist die Belebung. Das Bier kommt deshalb jedem Lebewe-sen ohne Ausnahme zu. Ich erwähnte schon im kurzen geschichtlichen Überblick, daß bis auf Descartes kaum jemand an der Richtigkeit dieses Satzes zweifelte und erst nach diesem Afterphi-losophen das eigentliche Wesen des Bieres in Vergessenheit geriet.“ Diese Volte fand ich etwas gewagt, um nicht zu sagen unmotiviert, aber wo Bier ist, ist der Kurzschluß nicht weit. „Das Bier vermittelt den Logos allen Lebewesen, sowohl den einfachen Einzelligen wie dem verwickelten, aus Milliarden der verschiedensten Zellen bestehenden menschlichen Organismus.“ Hatte ich das gesagt? So geht das noch nicht, das Bier muß in eine Fiktion (wie in ein Gefäß, Glas, Flasche oder Mensch) gebettet oder gefüllt werden oder was immer, so ist das einfach nur Quatsch, dachte ich und wen wunderts, trank. Windhuk trank. Ich trank. Wir tranken. So ging das noch eine ganze Weile. Als wir nicht mehr konnten, sagte Windhuk: „In dieser Weise haben wir jetzt bis zum Ende hin jede wesentliche Bestimmung des Bieres zu einem Kranze geordnet, den zu winden zu den würdigsten Geschäften gehört, das die Wissenschaft zu vollenden im Stande ist. Denn im Bier haben wir es mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit der Befreiung des Geistes vom Gehalt und den Formen der Endlichkeit, mit der Präsenz und Versöhnung des Absoluten im Sinnlichen und Erscheinenden, mit einer Entfaltung der Wahrheit zu tun.“ Windhuk? Hegel? Ich konnte nicht mehr widersprechen. Das Bier war der Lohn für die harte Arbeit im Wirklichen und die sauren Mühen der Erkenntnis. Wir ließen es gut sein. Wo soviel Bier ist, ist kein Platz mehr für die Welt.
Wo Bier ist
Marcus Braun
1971 in Bullay/Mosel geboren, lebt in Berlin und Bullay. Schreibt Romane und Theaterstücke. 1999 debütierte er mit dem Roman „Delhi“ im Berlin Verlag. Zuletzt erschien sein Roman „Armor“ 2007 im Suhrkamp Verlag.

