Eine Umdrehung
Jan Peter Bremer

Ich war in besonderer Stimmung. Der Verlag hatte mir gerade das erste Exemplar meines neuen Buches zugeschickt. Wie leicht und schlank es war, kaum dass es sich vom Tisch abhob! Schon seit Stunden saß ich entrückt vor dem hellen Umschlag. Hin und wieder warf ich einen raschen Blick zum Fenster hin, denn obwohl die Wohnung dafür eigentlich viel zu hoch liegt, überraschte mich in regelmäßigen Abständen die Angst, es könnte Schmutz von der nassen Straße hereinspritzen.
Die Kinder kamen aus der Schule und mit dem Versprechen, ihnen etwas Außergewöhnliches zu zeigen, führte ich sie an das Buch heran. Da sie jedoch sogleich stritten, wer es als erstes in die Hand nehmen dürfe, ließ ich es eilig in der Tasche meines Jacketts verschwinden. Dort trug ich es noch, als ich abends, zur Feier des Tages, die ganze Familie zum Pizzaessen einlud, und während ich ausschließlich darüber referierte, dass die Pizza in diesem Restaurant so ausgezeich-net sei, weil der Teig so dünn ist, und dabei unablässig an meine Jacketttasche klopfte, sahen die Kinder gelangweilt zu mir hin und meine Frau drehte stumm ihr Bierglas vor sich hin.
Auf dem Rückweg packte mich dann auf einmal eine große Unternehmungslust. Also wandte ich mich wieder von der Haustür fort und spazierte, in der Hoffnung, einen Bekannten zu treffen, weiter die Straße hinunter. Im Sinn hatte ich den jungen Literaten, der nur ein paar Häuser weiter wohnt und der mir sonst bei jeder Gelegenheit über den Weg läuft. Ich lasse dann meist ein paar Worte über das Wetter fallen, oder wie bezeichnend ich es finde, dass man, außer Herrn Prell, nur noch junge Leute in unserer Straße sieht. An diesem Abend aber war es mir plötzlich ein Anliegen, mit ihm zu sprechen. Deshalb lief ich jetzt auch schon seit geraumer Zeit in engen Kreisen um seine Haustür herum und ging dabei im Geiste die kleine Rede durch, die ich, für den Fall, dass er aus der Tür heraustreten würde, sogleich an ihn richten wollte. Weißt du, hörte ich mich schon mit klarer Stimme sprechen, ich bin nicht der einzige Autor, der in seinem Protago-nisten Wünsche aufleben lässt, die ihm selbst als grob und ungesund erscheinen, und natürlich brülle auch ich diese Wünsche über den Umweg der Sprache nur deshalb so laut in die Welt, weil ich sie eigentlich bändigen möchte.
Ich ließ den Blick auf den Boden sinken und plötzlich fiel mir wieder ein, dass mir der junge Literat schon ein paar Mal von der etwas raueren Lokalität erzählt hatte, die wiederum nur ein paar Häuser weiter liegt und die er, wie er sagte, häufig und gern aufsuchte.
Obwohl ich schon mit dem ersten Blick sah, dass ich ihn auch hier nicht vorfinden würde, trat ich trotzdem zum Tresen vor, ließ mich auf einen Barhocker nieder und sah zum Wirt hin, der auf der anderen Seite des Tresens, ebenfalls auf einem Barhocker mit geschlossenen Augen an einem Mauerstück lehnte.
Ich pfiff kurz in seine Richtung, bestellte ein Bier und sah die Reihe der Gäste entlang, die mit gesenkten Köpfen über ihren Getränken saßen. Nur mein direkter Nachbar zur Linken betrachtete mich mit einem ähnlichen Staunen, mit dem ich heute den ganzen Tag über auf mein Buch geblickt hatte. Er begann dann auch bald ein Gespräch, und nachdem er ausführlich von seinem Kleinbus berichtet hatte, fragte er mich, was ich denn eigentlich tue. „Schriftsteller,“ antwortete ich und kaum, dass ich das Wort ausgesprochen hatte, hatte ich auch schon zu meiner eigenen Verblüffung das Buch aus der Tasche gezogen und es in seine Hände gegeben.
Er wog es darin ein wenig. Dann sagte er: „Das ist aber sehr dünn.“
„Ein Vorteil,“ sagte ich, „Prost!“ rief ich‚ „und noch zwei Bier,“ wandte ich mich an den Wirt und während dieser die Augen langsam öffnete, sah ich von der Seite, wie mein Nachbar das Buch jetzt an einer beliebigen Stelle aufschlug und gleich darauf hörte ich ihn auch schon mit erstaunlich sicherer und kräftiger Stimme daraus vorlesen.
Ich sah mich um. Ohne Ausnahme hoben jetzt auch alle übrigen Gäste ihre müden Häupter, ließen sie jedoch fast ebenso schnell wieder sinken, nun aber, wie mir schien, voller Andacht, weil die Sätze sie übermannten. Wie pur doch diese Worte waren und mit was für einem Stolz sie mich auch jetzt wieder erfüllten. Mit einem Mal aber gewahrte ich auf dem Gesicht meines Nachbarn, dass das, was er uns vorlas, ihn eher befremdete als erfreute, und im selben Moment merkte ich, wie die Stimmung in mir umschlug, denn das, was er las und wie sollte es in dieser Situation auch anders sein, bezog er nicht auf das Buch und noch weniger auf Literatur, sondern er bezog es direkt auf mich, seinen neuen Bekannten, und indem er die Worte meines Protagonis-ten vorlas, war mir, als zeigte er mit dem Finger auf mich, ganz so, als wollte er sagen, seht her, da sitzt dieser kranke Mensch, hier bei uns am Tresen, schaut ihn euch nur alle an!
Noch immer wäre es ein Leichtes gewesen, die Situation, wie sie sich anbahnte oder wie sie sich in mir anbahnte, abzuwenden. Ich hätte nur die Arme hochwerfen und für alle ein Bier bestellen müssen, auf das Buch und noch mal auf das Buch. Stattdessen hörte ich wie in einer Wolke diesen Sätzen zu, die mich zunehmend mehr erschreckten als beglückten, die mir dreist und unnatürlich erschienen, und in meinem Innern schämte ich mich zutiefst für meinen Protagonis-ten, als der ich schon längst selbst da saß. Jede Distanz und Kunstfertigkeit war mit einem Mal aufgehoben, schlimmer noch, senkte sich jetzt alles, was ich in den letzten Jahren mit so viel Eifer und Empfindung geschaffen hatte, wie ein riesiges Unglück auf mich herab und mit einer wilden Bewegung riss ich das Buch meinem Nachbarn aus den Händen, stürmte zur Tür hinaus und schleuderte es weit von mir in den Schmutz der nassen Straße.

geboren 1965 in Berlin, wo er auch heute als freier Schriftsteller mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. Zuletzt erschien von ihm der Kurzroman „Still leben.“