So schön könnte man das arrangieren: müsste das teichgrüne Fläschlein nur auf ein Messing-tablett stellen, eine angeschnittene Zitrone hinzulegen, deren Schale sich ein wenig nach unten ringelt, blaugrauer Hintergrund, Spiegelungen, vorn ein Silberteller sowie ein abgegriffenes Messer mit silbernem Knauf. Fertig wäre das Stilleben, es sähe von selbst bedeutsam aus, hätte zudem etwas Zärtliches, Melancholisches. Ich könnte einfügen, dass ich natürlich gern Bier trinke, wie es sich für jemanden gehört, der aus München stammt, und mich anderen Dingen zuwenden.
Doch kaum versuche ich, die Flasche zu beschreiben, möchte ich mich in den Hintern beißen. Was ist denn das für ein Anfang, Frau Draesner? Das sieht Ihnen gar nicht ähnlich. Doch es stimmt!
Ebenfalls stimmt, dass ich meinen Hintern mit meinen Zähnen nicht erreiche. Ich kann nicht in mich hineinbeißen wie ein Pferd.
„Pferd“ lesen Sie hier nicht zufällig.
Also: die Flasche. Als ich sie zum ersten Mal bewusst wahrnahm, stand sie auf Vaters Büroregal in dem Kellerraum, in dem er manchmal Häuser zeichnete, zwischen Zigarrenkiste und Familien-foto. Da steht sie heute noch. Dunkles mattes Glas, es wirkt, als schwimme ein wenig Nebel darin. Kühles Grün mit kleinen Schlieren, Unebenheiten, eine Flasche, die ich nicht berühren kann, nur ansehen, fast eine Flasche auf einem Bild, obwohl sie wirklich ist. Klein wirkt sie, ungewöhnliche Proportionen, der Bauch ist lang und schmal, der Hals kurz, sicher kein DIN-Maß, keine Europagröße, vielleicht Unzen, etwas für den geringeren Durst, die schmalere Geldbörse, das besonders gute Bier. Denn so viel kleiner als heute waren die Menschen damals doch nicht, so viel kleiner für so viel kleinere Flaschen, damals, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts.
Damals: die Familienbrauerei, fest in Urgroßmutters Hand. Die alte Flasche hat einen Bügelver-schluss, weißer Porzellandeckel, rostiges Gestänge. Um zu öffnen und wieder zu verschließen, zu trinken und sich etwas zu bewahren.
Kleingrünes dickglasiges Ding. Es ruhte so unscheinbar auf Vaters Schrank, dass ich es lange übersah. Vielleicht weil ich in einer Stadt aufwuchs, die nachts nach Maische roch, nach Hitze und Gärung. Und die kupfernen Kessel, die in schaufenstergroßen Fabrikfenstern standen, wollten wie ganze, für immer aufgegangene Monde leuchten.
Oder weil wir einen Dackel hatten, der an den leeren Bierflaschen schleckte; wir Kinder sollten das Leergut wegtragen und neues Bier holen, wir ließen ihn schlecken, einmal sah ich auf dem Weg zum Getränkemarkt einen Turm aus leeren Blechbüchsen und das Schild „Büchsenmacher“, da waren Flaschen viel besser, und zuhause packten wir, die Mädchen, wieder die leeren Bierflaschen von Vater (Weizen, Bock, Helles) und Mutter (Helles, Radler) in den Korb aus Jugoslawien (Mutter), und ließen den Dackel den Rest aus den Flaschen trinken, die Neige. Die Neige. Die Neige legte sich schräg in den Flaschen. Sie war orangerot, fast wie die Kessel, der Dackel torkelte, nun stand die Neige als kleiner hellroter Mond in jedem seiner Augen, sie war doppelt, und der braunseidige Hund sah, wenn er ging, aus wie eine Bierflasche, die ein wenig auf den Boden durchhängt mit ihrem Bauch.
Da ist der Versuch, sich in den Hintern zu beißen, ein gutes Gegengewicht. Das Pferd gehörte zur Brauerei. So stelle ich es mir vor, eine Vorstellung, entstanden daraus, was mein Vater erzählte, also keineswegs identisch damit, was mein Vater erzählte, der wiederum eigene Vorstellungen mit sich durch ein langes Leben spazieren trägt, weit zurück in eine verflüchtigte Kindheit. Er sagt, dass sie einmal einen Flaschenregen machten.
„Also erst den Flaschenregen, dann mich“, sage ich.
Vater findet das nicht komisch. Er sagt: „Die Familienbrauerei hatte die erste Colalizenz in Deutschland.“
Auch das ist eine Vorstellung. Erneut kommt der Hintern ins Spiel. Wenigstens trinke ich keine Cola, sonst wäre er noch breiter, dann könnte ich ihn mit den Zähnen erreichen. Statt einer Colalizenz oder wenigstens eines Pferdes habe ich von meiner Urgroßmutter die Form der Oberschenkel geerbt. Kein DIN-Maß. Von Genen weiß man ja in Wirklichkeit so gut wie nichts (sonst hätte man das doch bitte verhindert!) – und erst recht können die Biologen nicht erklären, wie in Genen, die sich dann in meinen Kopf hinein entwickelten, die Erinnerung an eine Fabrik mit Korn- und Hopfenspeichern, Pferden, Kesseln, Fässern, einer ratternden Abfüllanlage und all den Flaschen gespeichert sein soll, die mir lebhaft vor Augen stehen, aber so schwer zu beschreiben sind.
Die Flaschen waren, sagt mein Vater, braun, grün oder blau. Jahre vor der Flucht, sagt er, hätten ein paar Freunde und er etwas sprengen wollen. Vermutlich lag das nahe in der Zeit, in der sie aufwuchsen, denke ich und weiß doch, dass der Gedanke zu schnell ist, zu ungenau – bei Spaß dachten sie an Sprengstoff, denke ich dennoch, und es wurde ein großer Erfolg, sagt mein Vater, sprich Flaschenregen im Brauereihof. Schön soll es ausgesehen haben, der Hof so bunt, es regnete noch auf all die Splitter und Scherben, sie trockneten, glitzerten auf. Vater & Co waren elf Jahre alt; manchmal mussten sie den Rasen sprengen, dann sprengten sie einen Teil des Flaschenlagers, ihr Zuhause zersprang kurz darauf.
Splitter in braun, blau und grün. Ich, als Zuhörerin, mache mir keine Vorstellung, befindet mein Vater. Bomben fielen nicht, „wir mussten nur gehen“. Er springt über Jahre, vielleicht ist das so in seinem Alter, nicht er springt, sondern die Jahre sind aneinandergerückt, ich mache mir eine Vorstellung, nach so viel Jahren liegt alles aufeinander, halbtransparent, gläsern mit Nebel-wolken, gesplittert zusammengesetzt, das Gehirn weiß so viel und beginnt, die schrecklichen Ähnlichkeiten zu sehen.
Ich setze noch einmal an: eine Bierflasche, rund, träumendes Grün, 6,5 Zentimeter Durchmesser am Boden, 21,3 Zentimeter hoch. Kein Etikett, aber der Name der Brauerei und ihr Ort in dicken Buchstaben ins Glas geprägt, man kann ihn kaum sehen, sehr wohl mit dem Finger spüren. Bügelverschluss, der Gummi leicht angenagt.
In Filmen aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts sind Pferdebäuche rund und wie Flaschen poliert. Kutschgäule sehen schwer aus. Wenn sie sich vor dem Wagen ins Geschirr legen, in dem sich bis über den Rand Bierkästen stapeln, Kästen mit den kleinen Flaschen, schwingen ihre prallen Bäuche nach links, nach rechts, und zurück. Früher habe ich manchmal gedacht, wie wäre es, all die alten Dinge fortzuwerfen, die kleine Flasche im Altglascontainer zersplittern zu hören. Inzwischen weiß ich, dass man sie nicht wegwerfen kann, und zerschlüge man sie wirklich, würde sie nur größer als Bild. Auch die Zeit schwappt, und steht manchmal, in Dingen, in der Neige. Urgroßmutter, eine Geschäftsfrau, drei Söhne, ein Enkel ertränkte sich in Rum, der andere in Gin, als das Bier verloren war. In der Neige der kleinen Flasche steht ein Biersee, 400 Jahre alt, 400 Jahre Brauerei Draesner. Mit Bier mache ich zweierlei. 1 Liter Bier, 2 Gläser Whiskey, eine große Portion Orangensaft, 1 Schuss Gin. Mischen, aufkochen lassen, aus einem Maßkrug trinken. Man schläft stundenlang und erwacht gesund.
Oder: ausgeschnittene Bluse, Bierkneipe, Affäre. Später, nach dem Hormonrausch, kneift der Typ mich in den Oberschenkel und grinst unverschämt. Jetzt ihn auslachen, ihn in den Hintern beißen, in die Bierflasche beißen, bis ich ganz betrunken bin.
400 Jahre Biersee, Bierseligkeit, Biergeruch in den Häusern, in denen gevögelt, geboren, gerechnet, gebraut wurde. Irgendwann zufällig, durch den ganzen Biersee hindurch, wahnsinnige Zufälle später, kroch ich heraus. Und von den Tausenden von Flaschen, die gemacht wurden, übrig also diese eine – schlank, elegant, leicht opak – eine starre Überlebende auf einem Regal. In Kindergeschichten erscheinen Geister als Gespenster. Wie beruhigend: Gespenster sind entweder rührend menschenähnlich oder gruselig, in jedem Fall aber Pseudomaterie, Hirngespin-ste „in der Wirklichkeit“.
Die Flasche im Keller meines Elternhauses hat mich etwas anderes gelehrt: wirksame Geister bestehen aus Materie.
Stehen da, in der Welt, in Schränken, aus Regalen, und meine Urgroßmutter mit den dunklen Haaren und dicken Augenbrauen der Bierbrauer, beugt sich über den Kupferkessel. In ihrer Küche gibt es kein Wasser aus dem Hahn, sie macht Bier warm für ein krankes Kind, schüttet Rum hinein, Schnaps, Holundersaft, trinkt selbst einen Schluck, sitzt dann wieder über die Bücher gebeugt, Zahlen, Statistiken, und wenn sie vor ihr gehen, die Pferde in der Kutsche, haben sie Bäuche aus Glas, poliert, mit Nebelschleiern darin, die wie die Zukunft aussehen, sie aber sind warm und schwappen ein wenig wie Bier in einem Glas, in das Licht fällt, weich und mehrdeutig in der Neige.
Flaschengeist
Ulrike Draesner
1962 in München geboren, lebt in Berlin; u. a. Preis der Literaturhäuser 2002; Prosa, Lyrik, Essay, Übersetzungen; Veröffent-lichungen u. a. „gedächtnisschleifen“ (1995), „Mitgift“ (2002), „Spiele“ (2005), „Schöne Frauen lesen“ (2007), „berührte orte“ (2008).

