Der Jever-Mann steht im Trenchcoat am Strand und hält ein Glas Bier in der Hand. Er lächelt. Kurz darauf lässt er sich in die Dünen fallen, mit ausgebreiteten Armen.
„Wie das Land, so das Jever. Friesisch herb.“
So wirbt ein Fernsehspot für das Bier, das so heißt wie die kleine Nordsee-Stadt, aus der es kommt. „Jefer“, sagen die Einheimischen, nicht „Jewer“, und wenn Jeferaner in nichtjeferschen Kneipen ein Jefer bestellen, bekommen sie oft ein „Hefe“ serviert.
„Kein anderes Bier“, sagt der Jever-Mann und ist in Großaufnahme zu sehen, mit Augen in glasklarem Blau.
Als der Werbespot das erste Mal lief, und das ist Jahre her, riefen aus der ganzen Republik Frauen in der Brauerei an, um zu fragen, wer das sei, dieser Mann in den Dünen. Und aus der ganzen Republik riefen Männer an, um sich zu beschweren, wer sich das ausgedacht habe, diesen Mann in den Dünen, der ihre Frauen zu Hause auf dem Sofa verzückt gucken ließ.
Der Jever-Mann wirkte typisch nordisch, blond und stattlich stand er am Meeressaum. Die Kamera schwenkte über satte Deichwiesen, streifte Himmel, Wasser, einen Leuchtturm. Da konnte einem schon das Herz aufgehen – und plumps, lag er plötzlich da, der lässige Bilderbuch-Friese, den offenen Trenchcoat einladend wie eine Picknickdecke.
In Jever kannte den Jever-Mann keiner. „De is nich von hier“, hieß es. Der Jever-Mann war ein Model, natürlich. Und sonst? Schulterzucken.
Ein Lokaljournalist witterte eine nette Geschichte fürs Blatt. Er rief in der Marketingabteilung der Brauerei an, die ihren Sitz in Hamburg hatte, und die Marketingabteilung holte aus zum großen Coup: sie lud den Jever-Mann nach Jever ein. Ein Termin war schnell gefunden – das Alt-stadtfest, bei dem es keinen Flecken in der Stadt gibt, an dem nicht Bier ausgeschenkt wird. Da saß er dann leibhaftig, an einem sonnigen Augusttag, mitten in der Fußgängerzone, auf dem Tisch vor sich ein Glas perfekt gezapftes Bier. Das blütenweiße Hemd trug er oben aufgeknöpft. Seine blauen Augen leuchteten und machten den Frauen, die vor ihm Schlange standen, weiche Knie. Der Jever-Mann gab Autogramme. Ab und an hob er das Glas Bier und posierte für ein Foto. Er lächelte schön, schöner noch als im Fernsehen. Die Jeveranerinnen, unter ihnen auch extra angereiste weibliche Fans, lächelten zurück. Zu gern hätten sie etwas gesagt, doch nur wenige waren in der Lage zu einem Gespräch. Was nicht unbedingt daran lag, dass es ihnen vor Aufregung die Sprache verschlagen hätte.
Der Jever-Mann hieß Olivier und war Franzose. Er sprach kaum Deutsch.
„Kein anderes Bier“, das war eindeutig synchronisiert.
Den Jeveranerinnen blieb nichts anderes übrig, als alles an Schwärmerei und angestauter Vorfreude in ihre Blicke zu legen. Ihr Augen leuchteten mit denen des Jever-Mannes um die Wette, es war ein einziges Gefunkel. Obwohl es Frauen gab, die sich das nicht trauten. So zu flirten. So vor anderen Leuten.
Eine Schülerin sprach den Franzosen an. Ob er sich mit ihr für ein Foto ablichten lassen würde? Der Franzose stand bereitwillig auf und – huch! – wie klein er war! Verstohlen knickte die eine oder andere Pumpsträgerin in der Hüfte ein.
Unterdessen prosteten sich die männlichen Jeveraner ein paar Meter weiter an den Bierbuden zu. Dunkelhaarige Hünen ließen die Gläser klirren, hochgewachsene Rotschöpfe, wobei es auch Männer unter ihnen gab, die nicht viel größer oder überhaupt nicht größer waren als der Franzose. Und doch schienen sie in den letzten Minuten gewachsen zu sein.
Keiner von ihnen schmiss sich einfach im Trenchcoat in den Sand. Wenn echte Jever-Männer an den Strand gehen, tragen sie entweder Badehosen oder, was häufiger vorkommt, festes Schuhwerk und Nylonjacken.
Echte Jever-Männer trinken ihr Bier in der „Braupfanne“ oder bei Winni in der „Pütt“, und manchmal vermissen sie Irmi, die singende Wirtin, die früher in der „Kajüte“ gezapft hat, vom Mittag bis nach Mitternacht.
Echte Jever-Männer singen im Chor und feiern „Flegelbeer“, ein Fest, das es schon im 19. Jahrhundert gab, als Bauern und Knechte das Ende der staubigen Dreschzeit begossen. Bis heute ist „Flegelbeer“ „Maanslüsaak“, Männersache.
Echte Jever-Männer schleppen kistenweise Bier auf ihre Schiffe, mit denen sie bei Windstärke 8 nach Helgoland segeln. Wenn sie sich im Hafen treffen, Fidi, Fokko und Tanno, spendieren sie sich eine Flasche nach der anderen. Wenn Fidi dann seine Gitarre rausholt, ist es besonders schön, aber nach einer Weile auch traurig, weil jeder Begegnung ein Abschied innewohnt. Um den Schmerz vorwegzunehmen, hatte Fidi letztes Mal seine Gitarre ins Meer geworfen. Am nächsten Morgen saß er tränenüberströmt an der Reling. Tröstend klopften ihm die Kameraden auf die Schulter.
So sind echte Jever-Männer.
An der Bierbude stellten sie ihre leeren Gläser ab, nickten der Frau am Zapfhahn zu, „machst mir noch eins“, während der Franzose die letzten Autogramme gab. Die Frauen schauten auf die Handschrift, die der Franzose auf Fotos, Karten, Zetteln hinterlassen hatte, sie lächelten, steckten Fotos, Karten, Zettel in ihre Handtaschen, traten an die Bierbuden, nickten der Frau am Zapfhahn zu, „ein Pils bitte“, stießen mit den Männern an, aller Frotzeleien zum Trotz. Es war Altstadtfest. Vielleicht würden sie am kommenden Wochenende mit raus zur Insel segeln, vielleicht auch zu Winni in die „Pütt“ gehen. Als echte Jever-Frauen.
Übrigens: Seit Juli 2008 gibt es einen neuen Jever-Spot. Ein Mann, diesmal in kurzer Jacke, spaziert am Strand, Meer schimmert, Pferde galoppieren.
Da kann einem schon das Herz aufgehen. Der Mann lächelt, wirft Steine.
Er wirkt typisch nordisch, wie er da blond und stattlich durch die Dünen stapft.
Jever-Männer
Wiebke Eden
1968 in Jever geboren, lebt in Berlin; Autorin und Jour-nalistin, veröffentlichte zwei Porträtbände (2000 und 2001), zuletzt erschien der Roman „Die Zeit der roten Früchte“ (2008).

