Es regnete so stark, dass die Scheibenwischer es nicht mehr schafften.
Ich gab mir Mühe, den Namen des kleinen Kaffs auf dem gelben Ortsschild zu entziffern; aber er verschwand so schnell wie irgendein Name am Ende des Abspanns irgendeines Films.
Ich parkte am Marktplatz. Schräg gegenüber ein Lokal. Schwarz auf rot stand auf dem Leucht-schild: Nr.1. Licht glitzerte auf dem Kopfsteinpflaster. Als ich das Lokal betrat, wendeten sich mir alle Köpfe zu: Der Kellner vergaß den Bierhahn rechtzeitig zuzudrehen.
Es war wie überall: Fußballtrophäen auf einem Regal, genormte Gaststätteneinrichtung, vergilbte Tapeten, ein Klavier, Musik, aus einem Radio, wie sich herausstellte. Junge Männer saßen herum, spielten Karten, tranken Bier und Klaren. Ein alter Mann mit einer blauen Schiebermütze saß allein an einem Tisch und rauchte Zigarre. Ich setzte mich an den Tresen und bestellte ein Bier. Der Kellner konnte es kaum erwarten, ein Gespräch anzufangen. Zwischen den Schnaps-flaschen stand ein ausgestopfter Marder.
„Das ist kein Marder, sondern ein Frettchen“, sagte der Kellner, „im Keller haben wir noch eins, das lebt noch. Bissige Viecher sind das. Wenn die hungrig oder nervös sind, können sie einem schon mal an die Kehle springen.“ Dabei streichelte er das ausgestopfte Tier und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an um zu prüfen, ob er mir schon Angst eingejagt hätte. Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und sagte: „Frettchen stinken.“
„Nicht so schlimm wie Iltisse“, sagte der Kellner gekränkt, „sind ganz saubere Tiere, nur laut. Manchmal, besonders nachts kreischen sie so laut, dass man denkt, da wird einer abgestochen.“ „Und wenn schon“, sagte ich.
Der Kellner senkte den Blick und tat, als ob er sich etwas von der Schulter wischte. Schwul, dachte ich, der hat's nicht leicht hier. Im Radio lief ‘This guy was meant for me’ von Madonna. Der Alte zündete sich seinen ausgegangenen Stumpen wieder an, schob seine Mütze ein wenig weiter in den Nacken und wollte etwas sagen. Aber er ließ es bleiben. Der Kellner brachte eine Lage Bier und Schnaps an die Tische. Die Gäste wurden lauter und ich meinte, eine weibliche Stimme herauszuhören. Am Tisch der Kartenspieler saß ein Mädchen, die Hände in den Taschen einer verwaschenen Jeanslatzhose. Sie schaute mich mit blassen, trostlosen Augen an. Ihr sehr kurz geschorenes Haar lag wie eine dünne Schicht Rauch auf ihrem Kopf. Irgendwie schien dieses Mädchen deplatziert. Vielleicht gehörte sie zu einem der jungen Männer. Keiner von ihnen beachtete sie. Ich trank und hörte der Musik zu.
Nach einiger Zeit kam das Mädchen an das andere Ende der Theke. Sie gab dem Kellner einen Zettel. Dann ging sie wieder nach hinten. Der Kellner schob den zusammengefalteten Zettel neben mein Bierglas.
„Könnte noch ein schöner Abend für Sie werden...“, sagte er leise und zündete sich eine Zigarette an. Ich nahm den Zettel, drehte mich um und sah das Mädchen im Flur zu den Toiletten verschwinden.
In diesem Moment ging die Tür auf und drei junge Männer in Springerstiefeln und Hosenträgern kamen herein. Der Kellner legte seine Zigarette in den Aschenbecher und stellte das Radio leiser. Niemand sagte etwas. Der Alte schnarchte leise. Einer der Drei trug eine dicke Hornbrille. Sie durchstreiften das Lokal. Keiner der Gäste rührte sich von der Stelle. Der Zweite schlug sich lässig eine leere Bierflasche in die Handfläche und warf einen Blick in das Hinterzimmer, in dem niemand saß. Der Dritte nahm im Vorbeigehen ein noch ungetrunkenes Bier vom Tisch der Kartenspieler und leerte es in einem Zug. Der mit der Brille baute sich vor mir auf, verschränkte die Arme und starrte mich herausfordernd mit seinen qualligen Augen hinter den dicken Gläsern an. Ich stieg von meinem Hocker, machte einen Schritt zur Seite und ging quer durch den Raum hinüber zum Klavier. Ich klappte es auf, strich mit dem Finger über die Tasten und spielte die ersten Takte von Mackie Messer. Die Drei schauten sich an, irritiert, unschlüssig. Ich klappte das Piano wieder zu und den Zettel auf. Da stand: Würde dich gern kennen lernen – Betty; darunter eine Telefonnummer ohne Vorwahl. Ich ging hinüber und setzte mich wieder an die Bar. Der Alte schnarchte noch immer. Von irgendwoher kam ein durchdringender, heller, un-menschlicher Schrei. Im Spiegel hinter der Bar sah ich, wie die Drei sich in Bewegung setzten. Ich hörte die Tür knarren. Der mit der Bierflasche drehte sich noch einmal um und schaute zu mir herüber. Kurz nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, klirrte Glas auf dem Straßenpflaster. Der Kellner drückte seine im Aschenbecher fast abgebrannte Zigarette aus und stellte das Radio wieder lauter. Er schwitzte.
„Die kommen zweimal die Woche hierher“, sagte er, „und jedes Mal geht irgendwas zu Bruch. Keine Ahnung, warum die heut so friedlich waren.“
In diesem Moment kam das Mädchen mit den kurzen Haaren von der Toilette zurück und setzte sich wieder an den Tisch. Als ich mich nach einer Weile zu ihr umdrehte, war sie verschwunden.
Ein paar Tage später wählte ich die Nummer. Eine müde Frauenstimme meldete sich. Ich fragte nach Betty.
„Die ist oben“, sagte die Stimme, „stillt grad die Kleine.“
Ich legte den Hörer auf.

