Als das Telefon klingelte und ich noch nicht wusste, wer anrief, aber sofort glaubte, das seist Du, weil ich sicher war, durch all mein Denken an Dich hätte ich unsere Verbindung wieder aktiviert, wusste ich sofort, was ich Dir erzählen würde.
Ich wollte Dir erzählen von meinem Coup oder Deinem Coup, von Deinem Auftauchen in meinen Gedanken. Denn während ich eine Geschichte im Sinn gehabt hatte, eine Anekdote, aus der ich eine Geschichte machen wollte, kam mir München in den Sinn, und beim Denken an München kamst Du mir in den Sinn. Ich sah Dich und mich am Isarufer sitzen und Bier trinken. Ich sah das gern, war aber nicht sicher, ob ich uns das Bier nicht einfach nur in die Hände gedacht hatte, denn ich wollte weiter an Dich denken.
Ich sah Dich, wie Du die Arme strecktest, Dich in der Luft räkeltest; niemand räkelt sich so gut wie Du. Ich sah, wie wir die Biere am Kiosk holten, sah uns anstoßen und sah die Flaschen groß, viel größer als normal. Ich sah uns einvernehmlich trinken und hörte mein sachliches Ich leise fragen, was es denn damit nun auf sich habe. Ob es überhaupt so gewesen sei, wie ich es sah. Ob es nicht eher so gewesen sei, dass wir zwar viel Bier, an der Isar aber doch eher nichts oder Wein getrunken hatten. Oder dass wir zwar immerzu davon sprachen, uns am Abend an die Isar zu setzen, es dann aber doch nicht taten, weil an den Abenden jede für sich ein derbes Leben führte. Aber es kam dieses sachliche Ich bei uns nicht gut an, wir saßen ja da und erhoben uns später, um uns der Frage als Antwort gegenüberzustellen.
Da waren wir also deutlich und fähig, und es war das Bier dann egal. Wir entfernten uns vom sachlichen Ich, gingen spazieren, spazierten über meinen Umzug hinweg und schleppten die Kisten auf Deine Art, nämlich zu Haltestellen und von Haltestellen in neue Wohnungen hinein und hatten so einen Ort, der nur unser eigener und der schließlich ganz außerhalb des zu schreibenden Textes war, so dass das sachliche Ich zwar lächelte, doch Einhalt gebot und in den Text, den ohne Dich, mich zu locken versuchte.
Als das Telefon also klingelte und ich gerade dem sachlichen Ich lustlos Genüge tat, indem ich einige Gedanken an einen Jungen verschwendete, mit dem ich heimlich mein Bier geteilt hatte, weil er unbemerkt von seinen Eltern Bier hatte trinken wollen, der schließlich gesagt hatte, so ließe es sich leben, dachte ich, Du und ich wären nun wieder bestens verquickt und dachte fast laut: sind wir aber gut.
Sandra
Heike Geißler
1977 geboren, aufgewachsen in Riesa und Chemnitz, lebt als Autorin und Künstlerin in Leipzig; veröffentlichte 2002 den Roman „Rosa“, 2007 die Erzählung „Nichts, was tragisch wäre“.

