Der Euro, die Nutte, die Schere und das Bier
Franziska Gerstenberg

Sie hocken auf dem Geländer, der Fluss liegt vor ihnen, aber unter ihnen kein Wasser, sondern die Autobahn. Würden sie sich vorbeugen, könnten sie den Autos vor die Stoßstangen spucken. Erzähl mal was, sagt er. Wegen des Lärms beugt er sich zu ihr herüber.
Sie ist erst Ende dreißig. Nennt ihn Bellmann. Sie haben sich einander mit den Nachnamen vorgestellt, nachdem er ihr mit einem Euro für den Einkaufswagen ausgeholfen hatte, sonst war noch nichts. Sie hat vor dem Supermarkt gewartet, um ihm den Euro zurückzugeben. Bellmann. Marks. Nein, nicht mit x, aber ja, sie ist erst vor kurzem in die Stadt gezogen.
Das ist am Tag vor dem Umzug passiert, sagt sie jetzt. Sie bewegt die Füße, vorsichtig, hält die Flipflops mit den Zehen fest, damit sie nicht zwischen den rasenden Autos landen. An dem Tag, sagt sie, wurde auf der Straße endlich ein Parkplatz frei, ich musste den irgendwie blockieren, für den Umzugswagen, verstehst du?
Sie hat nicht gewagt, Stühle auf die Straße zu stellen, mit der üblichen Schnur dazwischen, in ihrem Viertel wurde alles geklaut, was nicht festgeschraubt war. Stattdessen hat sie zwei leere Kartons aufgebaut und eine große Pappe beschriftet. Umzug, bitte freihalten! Aber der Wind wehte die Pappe von den Kartons, ständig musste sie aus dem vierten Stock nach unten laufen und alles wieder aufrichten. Sie wollte die Kartons beschweren, aber es gab in ihrer Straße keine Steine, nur der Glasmüll stand noch vor der Tür, endlich stellte sie zwei Flaschen auf die Pappe. Aber noch bevor sie zurück im Haus war, fuhr ein Auto die Kartons um, die Flaschen zer-sprangen auf dem Pflaster. Sie lief zurück, schnauzte den dicken Türken an, der aus der Fahrertür stieg. Ob er noch nie umgezogen sei, und dass sie ihm herzlich für seine Mithilfe danke.
Bellmann fährt sich mit beiden Händen durch die Haare, sie erschrickt, sieht sofort wieder weg. Warum lässt er denn das Geländer los! Viel zu gefährlich.
Und dann, sagt sie, ist der ausgestiegen und hat sofort zurückgeschnauzt, beschimpft hat der mich, als Nutte, mit ziemlich langem U, ich habe den nicht richtig verstanden, aber jeder Halbsatz endete damit: … Nutte … Nutte!
Sie hat ihn angebrüllt, dabei die Scherben in ihren linken Handteller gesammelt, sie trug nur einen Minirock und ein peinliches Top, um sie herum blieben Leute stehen, das Gesicht des dicken Türken veränderte sich überhaupt nicht, während ihres prickelte und brannte. Erst später, da war sie schon wieder in der Wohnung, erst später wurde ihr klar, dass sie sich geirrt hatte. Verstehst du, sagt sie zu Bellmann, der hat gar nicht Nutte gesagt, der hat gesagt, dass er nur ganz kurz parken wolle, fünf Minuten, verstehst du, Minuten … nuten … nuten!
Das ist gar nichts, sagt Bellmann großspurig und gestikuliert. Sie würde gern das Gesicht in die Hände legen, aber dazu müsste auch sie das Geländer loslassen.
Ein Freund von mir, sagt Bellmann, der hat mal in China ein Bier bestellt, im Restaurant, das ging ewig hin und her, die waren total erstaunt, aber er hat darauf bestanden. Und am Ende, da haben sie ihm eine Schere gebracht!
Wieso, fragt sie, eine Schere?
Bellmann schwingt endlich die Beine übers Geländer zurück. Er kniet sich neben seine Tasche, sagt: Verstehst du nicht, Marks, das chinesische Wort für Bier muss ähnlich klingen wie das für Schere! Der hat das falsch betont oder so!
Vorsichtig klettert sie auf den Weg zurück. Bellmann holt zwei Flaschen Bier aus seiner Tasche. Damit stoßen wir jetzt an, sagt er, darauf, dass du keine Nutte bist. Aber vielleicht gibst du mir ja trotzdem deine Nutter, ich meine, Nummer?
Sie lächelt. Bellmann setzt das Feuerzeug an und lässt den ersten Kronkorken übers Geländer springen, was sie nicht gut findet, aber sie hört keine Bremsgeräusche. Dafür sieht sie, dass das Bier verdorben ist. Es schäumt und schäumt, tropft neben Bellmanns Tasche auf den Fußweg, und es riecht schon. Bellmann schüttelt den Kopf: Gerade gekauft, das habe ich eben erst gekauft, Marks! Sie hält sich die Nase zu, lacht, sagt: Das haben die wohl in der prallen Sonne gelagert, aber ich gehe neues holen, kein Problem, fünf Minuten.
… nuten, sagt er, …nuten … nuten!

1979 in Dresden geboren, trinkt ihr Bier derzeit in Berlin; Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; u. a. Hermann-Hesse-Förderpreis; Veröffentlichungen u. a. „Wie viel Vögel“ (2004) und „Solche Geschenke“ (2007).