Weibsbild
Ariane Grundies

Da saß dieses stramme Weibsbild Sabine und hielt sich an einem Bierglas fest. Klaus Stürzden-becher, tönte sie, ist mein Vorfahre und euch Jungs sauf ich alle unter den Tisch. Die Jungs um sie herum nickten anerkennend, und vielleicht hatte sogar einer einen Pfiff gelassen, aber keiner von ihnen machte Anstalten, das stramme Weibsbild herauszufordern. Sie versuchte ein Lächeln, versteckte es aber sogleich hinter einem nächsten kräftigen Schluck, weil ihr eingefallen war, dass Lächeln eine Gabe ist, die sie nicht besaß. Zumindest ihr Spiegelbild schaute bei dem Versuch freundlich und aufmunternd zu sein, so grimmig zurück, als gäb’s gleich eine Tracht Prügel. Die Jungs standen in Grüppchen und schauten ab und an zum Weibsbild, das dort unter dem orangenen Lichtkegel wie meistens ganz alleine am Tisch hockte und immer, wenn sie das Bier abstellte, die Zunge über die Oberlippe wischen ließ, links-rechts, wie ein Scheibenwischer. Manchmal winkte sie den einen oder anderen zu sich heran und befragte ihn zu politischen oder gesellschaftsrelevanten Angelegenheiten, und dann sah man den einen oder anderen, wie er zusammen mit dem Weibsbild ein Bier trank, den verführerischen Blick ins Dekolletee vermei-dend, die Füße aufeinander gestellt. Die anderen bangten um ihren Kompagnon, denn wer dumm genug war, sich nicht auszukennen oder eine Meinung zu vertreten, die allzu konservativ, unemanzipiert oder – und das war am Schlimmsten – undurchdacht war, der bekam Sabines ganze Verachtung zu spüren. Und die Verachtung eines Weibsbildes ist schwer zu verkraften. Jeder wollte bei ihr punkten. Nie wollte jemand versagen und die verbale und erst recht nicht die stumme Verachtung eines Weibsbildes um die Ohren gehauen bekommen.
Aus der Mitte der starken Jungs trat plötzlich die kleine zarte Angelika, die neuerdings Kontak-tlinsen trug, wofür sie in den letzten Tagen zahlreiche Komplimente bekommen hatte. So viele gar, dass sie inzwischen ganz verunsichert geworden war, was ihr bisheriges Erscheinungsbild anbelangte, und obendrauf stellte sie noch gleich ihr ganzes bisheriges Leben in Frage.
Du willst es mit mir aufnehmen!?, fragte sie zögerlich, als hätte Sabine sie persönlich angesprochen. Sabine legte beide Hände ans Glas und die Stirn in Falten. Diese Kontaktlinsen-trägerin wollte sich mit ihr messen? Was war denn mit den Männern los? Feiglinge, Weicheier, Warmduscher! Warum nutzte keiner von denen die Chance, bei ihr einen Stein ins Brett zu bekommen? Warum legte sich niemand ins Zeug, um sie zu beeindrucken? Immer nur auf Aufforderung, immer nur eingeschüchtert, so ängstlich wie ein Hase. Man konnte diese kleinen Hasenherzen förmlich hören, wie sie blitzschnell gegen die gestählten Brustkörbe hämmerten. Gut, sagte Sabine, und tippte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. Setz dich her Angie. Angelika schritt los, von der einen Kneipenecke hinüber zum strammen Weibsbild. Sie schob sich seitlich auf den Stuhl wie in eine Schulbank.
Der Wirt, einer der selber nichts verträgt, ließ die ersten Bierkrüge voll. Die Jungs tauschten Blicke und sammelten Scheine. Als der Schaum überlief, stand die Wettquote bei 6:1. Wir rechnen nichts auf, sagte Sabine, und schaute der Konkurrentin fest in die Augen. Egal, wie viele wir hatten. Wir beide beginnen bei null!
Einverstanden!
Bei jedem Glas darf höchstens dreimal abgesetzt werden und Toilettengänge nur zwischen den Runden!
Die zarte Angelika gab sich mit den Regeln d’accord.
Wie zwei Donnerschläge stellte der Wirt die Gläser vor die beiden Ladys. Wie zwei Ladys nahmen die beiden Ladys die Gläser in die Hand. Cheers, sagte die eine. Cheers, entgegnete die andere. Cheers, sang der Männerchor. Dann war da noch ein Klirren der Gläser, das man auch außerhalb der Kneipe hören konnte, sogar oben auf dem Kirchturm, hieß es später, hätte jemand ein Klirren vernommen.
Und da die zarte Angelika das stramme Weibsbild Sabine nicht unter den Tisch gesoffen hat, und das Weibsbild der Zarten nicht überlegen werden konnte, trinken sie noch heute.
Und Sabines Moral von der Geschicht: Was Frauen können, können Männer nicht.

1979 in Stralsund geboren. Schreibt Prosa und Hörspiele, u. a. „Schön sind immer die andern“ (2004), „Am Ende ich“ (2006) und „Gebrauchsanweisung für Mecklenburg Vorpommern“ (2009). Sie erhielt mehrere Auszeichnungen und lebt in Berlin.