Heinzl
Martin Gülich

Er wolle es einmal so sagen: Der Tag habe sich ihm aufgedrängt. Dies sei zwar sehr wohl das Wesen der Tage, dennoch habe er diese Formulierung nie zuvor benutzt, ja nicht einmal an sie gedacht. Jener Tag also, der, unerhört genug, mit einem Bier begonnen habe, ein Bier, das ihm ein gewisser Heinzl in die Tasche gesteckt habe, ja, in die Tasche gesteckt, man möge darüber lachen, aber genau so sei es gewesen. Gemeinsam sei man am Kiosk gestanden, er und jener Heinzl, den er, flüchtig zwar, aber doch gewiß kenne, gestanden sei man also dort, voneinander abgewandt, er selbst an den Zeitungen, Heinzl an der Kioskluke, als sich auf einmal seine Jacke rechtsseitig sehr beschwert angefühlt habe. Als er sich umgedreht habe, habe Heinzl gelacht und gesagt, er wolle sich ihm nicht aufdrängen, aber schön wäre es doch, wenn der Tag mit einem gemeinsamen Bier begänne. Da habe er in die Jackentasche gegriffen und jene Flasche hervorge-holt, die Heinzl ihm dort hineingesteckt habe, und obwohl ihm das alles ein wenig sonderbar erschienen sei, habe er zugestimmt. Ohne Worte, nur mit einem Nicken, worauf Heinzl ihm verschwörerisch ein „nicht hier“ zugeflüstert habe, gefolgt von einem eigentümlichen Rucken seines Kopfes, das ihn an seinen kranken Bruder habe denken lassen und daran, daß dieser nun bald schon tot sein werde. So sei er also Heinzl gefolgt, auf einem Weg, der ihm schon bald sehr fremd vorgekommen sei, der ihn sogar ein wenig geängstigt habe, obwohl er aus der Erinnerung gar nicht mehr sagen könne, woraus sich diese Angst gespeist habe. Vielleicht habe er sich vor den Bauruinen gefürchtet, an denen sie vorbeigelaufen seien, oder vor dem bellenden Hund, der unvermittelt in einem gelben Ascona ihren Weg gekreuzt habe, aber sehr wahrscheinlich sei ihm das nicht. Schließlich sei man am Fluß angekommen, ein Ort, der ihn auf unbestimmte Art erleichtert habe. Er habe nun Heinzl seine Bierflasche zum Öffnen entgegengestreckt, worauf ihn dieser recht unfreundlich mit den Worten „du kannst es wohl nicht erwarten“ angezischt habe. Dies habe ihn nach dem langen und für ihn durchaus beschwerlichen Weg regelrecht erbost. Als Zeichen seines Protestes habe er die Flasche Bier ins Wasser geworfen und habe sich von Heinzl abgewandt, worauf dieser sich an ihn geklammert habe wie ein Kind. Bitte, habe Heinzl ge-flüstert, nicht gehen, bitte. Zwar habe er sich durch Heinzls Klammereien wie auch durch sein Flehen erneut bedrängt gefühlt, aber schließlich habe er seinem Bitten nachgegeben und sei geblieben. Gewissermaßen als Dank sei Heinzl nun, ohne seine Schuhe auszuziehen, ins Wasser gewatet und habe seine Flasche Bier aus dem Fluß gefischt und sie ihm Sekunden später geöffnet entgegengehalten. „Freundschaft“ habe Heinzl gesagt und ihm zugeprostet, und obwohl ihn dieses Wort nicht weniger erschreckt habe wie der bellende Hund im Ascona, habe er mit Heinzl angestoßen. Man sei exakt so lange am Fluß geblieben, wie man zum Leeren der Flaschen benötigt habe, dann sei man auf einem anderen, ihm vertrauteren Weg zurück in die Stadt gegangen, wo man sich ohne jeden Pathos getrennt habe. Nun wäre dieser Ausflug an den Fluß gewiß keine Erwähnung wert, hätte Heinzl in der Folge nicht überall eine andere Geschichte zum Besten gegeben, eine Geschichte, in der Heinzl von ihm am Fluß mit einem Fahrtenmesser bedroht und zur Herausgabe aller Habseligkeiten gezwungen worden sei, weswegen man ihn bereits zweimal in polizeiliches Verhör genommen habe. In der Tat habe man in seiner Jacken-tasche zwei Gegenstände gefunden, die, er zweifle nicht daran, Heinzl zuzurechnen seien, einer davon ein Flaschenöffner, der Heinzls Initialen trage. Heinzl, so habe er bei der Polizei zu Protokoll gegeben, habe sich ihm aufgedrängt, von Anfang an, gewiß könne der Kioskbesitzer dies bezeugen. Der Kioskbesitzer, habe darauf einer der Polizisten erwidert, bezeuge gar nichts, nicht einmal Heinzls und seine Anwesenheit, worauf ihm nun auch nichts mehr eingefallen sei. So wenig wie zu den Gegenständen in seiner Jacke, ein Flaschenöffner und ein Kugelschreiber, lächerlich, aus was man ihm versuche, einen Strick zu drehen.

1963 in Karlsruhe geboren, lebt in Freiburg i. Br.; u. a. Heinrich-Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg; Veröffentlichungen u. a. „Die Umarmung“ (2005), „Später Schnee“ (2006), „Septemberleuchten“ (2009).