Lion Lager, Kgalagadi Breweries, Botswana
Joachim Helfer

Bier, das war etwas für Männer – und ich seit ein paar Tagen dreizehn. Die Mutter, die hätte nerven können, dass ich noch zu jung sei, war weit weg: mindestens zehntausend Kilometer. Der Mann, der gerade „Hol mal Bier!“ zu mir gesagt hatte, war mein Vater. Frühmorgens waren wir in Gaborone losgefahren, wo er seit der Scheidung wohnte, nachmittags hatten wir unser Lager am Rande eines trockenen Salzsees aufgeschlagen, mitten in der Kalahari, im spärlichen Schatten einer Dornakazie; jetzt, nach Einfall der Tropennacht, hingen darin schon sechs Springbock-hälften. Der deutsche Entwicklungshelfer sprach mit seinem Fahrer Englisch, dieser mit dem Fahrer des auf den Jagdausflug eingeladenen chinesischen Botschafters Setswana, der Fahrer seiner Exzellenz aber konnte genug San, um sich mit dem amtlichen Wildführer zu verständigen: Ein junger Buschmann, nackt bis auf einen Lederschurz. Während die Herrschaften gar nicht daran dachten, sich Kaki- Zeug und Mao-Anzug schmutzig zu machen, und die Tswana-Fahrer ihre Gras-Zigaretten aus Angst vor Schlangen auf den Pritschenwagen rauchten, wollte er meiner Entwicklung auf die Sprünge helfen: So, hatte er mir unter ständigem Zungenschnalzen vorge-führt, schlägt man ein Tier aus der Decke, und so weidet man es aus. Wahrscheinlich hatte ich mich ziemlich mädchenhaft angestellt, denn er hatte nachsichtig gelächelt und mich über drei Dolmetscher gefragt, wie alt ich sei? Was, schon dreizehn? Genauso alt wie er? Aber ich war ja noch nicht einmal im Stimmbruch! Ein rascher Schnitt mit dem Jagdmesser, und er hatte mir die Hoden eines Springbocks hingehalten: Essen! Die entsprechende Bewegung einer bluttriefenden Hand zum Mund war eindeutig: Damit, an dieser Stelle seines Klicklaut-Vortrags hatte er sich lachend an den Lendenschurz gefasst, endlich ein Mann aus mir würde! Das Gelächter war allgemein gewesen, und ich froh, dass man in der plötzlich hereinbrechenden Nacht nicht sehen konnte, dass ich rot wurde. Dann aber wurde es gemütlich: Wo ein deutscher Entwicklungshelfer einen Campingtisch, ein paar Campingstühle und eine Petroleumlampe hat, ist das Skatblatt niemals weit – samt dem Ehrgeiz, jedem Gast die Kultur der Heimat zu vermitteln. Da der Diplomat freundliche Miene zum fremden Spiel und ich den Dritten Mann machte, fehlte der Herrenrunde nur noch eines: „Hol mal Bier!“ Die Kühltasche stand auf dem Pick-Up, gleich am Fahrerhaus, zwischen den Zusatztanks für je 200 Liter Sprit und Wasser. Ob mein Vater sie nicht richtig verschlossen hatte, oder sie vielmehr von innen aufgesprengt worden war: Jedenfalls stand der Deckel offen, in die Höhe getrieben von einem Inhalt, der aufgegangen war wie ein Hefeteig. Der Löwe auf den Lion Lager Büchsen sah nach zweihundert Meilen Fahrt über Staubpisten bei glühend heißer Sonne verdächtig pausbäckig aus: Die Büchsen waren so aus der Form gegangen, dass sie eher an kleine Melonen erinnerten. Ich war Manns genug, vier Stück davon zu nehmen, zwei für die Herren am Campingtisch, zwei für meinen neuen Freund und mich. „Scheiße!“ sagte mein Alter, da das gute Bier, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot von einer Tochterfirma von Dr. Oetker, ihm eine heiße Dusche verpasst hatte, „Schai-ssi!“ wiederholte der gelehrige Asiate, indem er den zischenden Inhalt ebenso restlos in die Trockensteppe versprühte. Mein Vater wollte dann nicht weiter spielen, ich aber setzte mich ans Lagerfeuer. Der Jäger und Sammler nahm grinsend beide Büchsen und zischte ihren Inhalt ohne einen Tropfen zu ver-schwenden in eine ausgehölte Kalabasse. Vorsichtig nahm er einen Probeschluck, schnalzte anerkennend mit der Zunge und hielt mir das praktische Trinkgeschirr hin. So saßen wir zusam-men unter dem Kreuz des Südens, tranken Bier, erzählten uns, jeder in seiner Sprache, unser Leben – und verstanden einander prächtig. Wach geworden bin ich erst wieder von der Kälte des Wüstenmorgens: Das Feuer war heruntergebrannt, über mir baumelten Springbockhälften, ich hatte von Löwen geträumt und musste dringend pinkeln. Auf dem Rückweg sah ich die Spur: Tatzen, groß wie Suppenteller, immer am Rand des Lagerfeuerscheins entlang. Mein neuer Freund war auch schon wach und damit beschäftigt, das Büchsenweißblech in eine handelbare Form zu klopfen. Er lachte über den Schreck in meinem bleichen Gesicht und zeichnete mir den nächtlichen Besucher in den Sand: Kein Grund, sich zu ängstigen, bloß ein vom Fleischgeruch angelockter Leopard …

geboren 1964 in Bonn, lebt als freier Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Berlin. Mehrere Romane, u. a. „Du Idiot“ und „Cohn und König“. Zuletzt erschien die Novellensammlung „Nicht zu zweit“, sowie der Essay „Die Verschwulung der Welt“.