Es ist ja nun so, dass ich kein Bier trinke. Jetzt versuche ich, mich zu erinnern, wann ich über-haupt jemals Bier getrunken haben sollte. Ohne Schwierigkeiten könnte ich rekapitulieren, wann und wo und in welcher Form ich in den letzten zehn Jahren Rindfleisch gegessen (ich fürchte mich vor BSE), welche Länder ich bereist, oder welche Meeresfrüchte ich probiert habe. Nur beim Bier kann ich mich nicht erinnern. Fast befürchte ich, dass ich noch nie Bier getrunken habe. Ist das möglich? Mit siebzehn Jahren habe ich zumindest mal bei einem „Sit in“ Rotwein aus dem Tetrapack probiert. Nach dem ersten Glas mussten mich die anwesenden Diskussion-steilnehmer in die nahe gelegene Besenkammer verfrachten, wo ich zwischen Winterjackenber-gen und einem Putzeimer auf mein Ableben wartete. Nacheinander kamen meine zwei besten Freundinnen zu mir herein, kauerten sich mit schockgeweiteten Augen neben mich – die eine von ihnen hatte sich gerade ein Nasenpiercing schießen lassen – und verabschiedeten sich von mir. Ich murmelte immer wieder: „Ich liebe euch! Ich liebe euch alle!“ Und dann rollte mein Kopf schlaff zur Seite weg.
Und weil das Erlebnis derart einschneidend war, bin ich direkt beim Rotwein geblieben. Sicher-lich gab es kurze Ausflüge in Richtung: „Ich trinke eine Flasche Wodka auf Ex aus und finde heraus, was passiert, wenn ich dabei auch noch auf der Schreibmaschine eine Kurzgeschichte verfasse.“ Aber das war es dann auch schon mit dem Trinken von scharfen Alkoholika. Rotwein ist eben gut einschätzbar in seiner Wirkung, da kann ich nichts falsch machen. Nur einschlafen. Schon nach einem 0,1 Glas mache ich schlapp. Aber wie genau könnte „das“ Bier auf mich wirken? So, wie es auf andere wirkt? Dann will ich es nie probieren. Denn: Bier hat, wie ich weiß, einige unerfreuliche Nebenwirkungen, angefangen beim Brauvorgang. Ich komme ja aus Hannover und wir haben dort eine Brauerei. Rund um die Brauerei ist es nicht schön, durch die Nase einzuatmen. Diesen süßlich, klebrigen, stumpfen Geruch mag ich gar nicht. Damit as-soziiere ich dunkle Momente aus der Vergangenheit. Natürlich weiß ich, dass das fertige Bier besser und auch anders riecht. Sogar, wenn es im Tiegel angewärmt wird, riecht es versöhnlicher. Ha! Jetzt endlich habe ich ein klares Bild von mir und meiner Mutter vor Augen: Wie sie mir am Abend aufgewärmtes „Kinderbier“ in einen kleinen Bierhumpen füllt. „Trink das.“ Ich habe nur einmal daran genippt und beschlossen, nie wieder Bier zu trinken. Das war mit fünf. Süß und eklig. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bis heute nicht doch noch mal vom Bier gekostet habe. Die ganze Zeit habe ich so eine diffuse Wahrnehmung in meinem Hinterkopf. Ich sehe mich mit cirka achtzehn Jahren durch einen mir vollkommen fremden Schrebergarten hüpfen. Überall sitzen oder stehen Leute mit Papptellern in Händen. Einige von ihnen grillen. Durch die hellgrünen, blätterbepackten Äste sehe ich mich an einem holzverschalten Schuppen vorbeilaufen und über eine Wurzel oder ein Stück ausgeblichenes Plastik stolpern. Und im nächsten Moment klappt die Vision um und ich stehe plötzlich in einer Art Toilette, deren Tür keine Verriegelungsmöglichkeit hat. Hinter der Tür drängeln sich die Leute durch den Schuppen, draußen in den Gebüschen hängen die Partyleute, und ich habe diesen weißen, neumodischen Body an, der unten zum Zuknöpfen ist. Da ich nicht gleichzeitig den Steg vom Body zuknöpfen und die Tür zuhalten kann, habe ich ein echtes Problem. Ständig geht die Toilettentür auf, und jemand von den Partyleuten oder meiner Crew kommt herein – „Oh, äh, Entschuldigung!“ – um auf die Toilette zu gehen. Und ständig starre ich mit ängstlichen Augen in Richtung Tür und flehe innerlich, dass sie bitte wenigstens für einen Augenblick zubleibt. Und das Ganze erinnert mich jetzt an all die schlimmen Albträume, die ich im Laufe meines Lebens hatte: Ich muss die Toilette benutzen, aber alle Toiletten, die ich benutzen will, sind verschlossen, dass sie für mich nicht in Frage kommen, oder aber sie haben gar keine Türen, hinter denen ich mich verbergen könnte. Diese Art von Traum ist quälend, vergleichbar mit denen, in denen ich dringend telefo-nieren muss, weil die Welt untergeht, aber ein Spiegelei liegt über der Tastatur, sodass ich konsequent die falschen Tasten drücke und somit meine Familie nicht erreiche. Ich denke, jede Frau kennt diese Art von Träumen, da Frauen ja ein wesentlich geringeres Fassungsvermögen haben, was die Blase anbelangt, als Männer. Und hier liegt auch der Grund, warum Frauen kein Bier trinken: Ich muss es nicht weiter erklären. Und ich werde es auch nicht tun. Im Übrigen erinnert mich diese Vision von mir mit dem Body in der Toilette im Holzschuppen auch noch an etwas anderes. An eine Fotografie aus dem LIFE-Magazin von 1941, auf dem das Filmsternchen Eleanor Counts mit offenem Mund und in Badeanzug unter einem Champagnerfass steht und sich den schäumenden Alkohol in Strömen in den Mund fließen lässt. Interessanterweise habe ich als Kind, wann immer ich mir das Buch mit den schönsten Fotografien des LIFE-Magazins angese-hen habe, gedacht, die Frau im Schwimmanzug steht in einer müffelnden Bierlache und gleich bekommt sie von der ganzen Kohlensäure Bauchweh. Sie tat mir sehr leid.
Grundsätzlich möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich etwas gegen Bier habe. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die Freude an diesem Getränk haben. Große Freude. Es ist schön, wenn Menschen Freude haben und diese mit einem Bier teilen können. Es ist ein Getränk für Männer. Ich befürchte, das liegt an den Chromosomen.
Bierchromosome
Alexa Hennig von Lange
1973 in Hannover geboren, lebt in Berlin; 1997 erschien ihr Debütroman „Relax“, zuletzt erschienen: „Risiko“ (2007), „Peace“ (2009).

