Der Knotscher hatte einen schlechten Tag gehabt. Nicht nur, daß ihm sein Hausarzt nahegelegt hatte, von heute an sorgfältig einem Ernährungsplan zu folgen, nein, sein Luxusburgchen war ihm weggelaufen. Es hatte seinen festen Platz in einer flachen dänischen Keksdose gehabt, die auf dem Schreibtisch stand und in die der Knotscher ein Fenster und eine Tür hineingeschnitten hatte, die beide bierdicht schlossen. Er hatte drinnen eine Art Wandbeleuchtung angebracht: es gab eine kleine Badewanne nebst Zuleitung durch einen dünnen Schlauch, der, wie auch das WCchen, über eine Birnspritze mit Wasser versorgt werden konnte; es gab des weiteren eine gut ausgebaute Küche und neben dem Wohnzimmer sogar ein Schlafzimmer, das das BellepHattt immer als den größten Luxus empfunden hatte. Jedenfalls sagte es das und begab sich auch tagsüber oft hinein, so daß der Knotscher, wenn er keine Gedanken hatte, durch das Fenster sehen oder auch den Deckel von der Dose nehmen konnte, um das Luxusburgchen in seinem Bett minutenlang ganz zu betrachten. Oft stand er dann irgendwann auf, um aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier zu holen, schnipste den Kronkorken von der Flaschentülle und goß die Keksdose so voll, daß alle Einrichtung von einem weißen Schaum bedeckt war und Luxus-burgchen, wenn sich die Krone geklärt hatte, wie ein Guppi aussah in der schlafenden Gestalt einer sehr jungen Frau. Die hatte ein Lächeln auf den Lippen, daß es dem sonst eher harten Knotscher ans Herz ging.
Nun aber war das Luxusburgchen weggelaufen, und der Knotscher sollte sich statt um sie um seine Colesterinwerte kümmern. Das BellepHattt hatte einen Zettel für ihn dagelassen, er mußte ihn unters Mikroskop seines zwölfjährigen Jungen legen, um die Schrift lesen zu können: „Ich such mir einen neuen Lover. Für Dich alles Gute,
Luxusburgchen.“
Sachlich war, fand der nüchterne Knotscher, ihr Unternehmen nachvollziehbar. Die körperliche Vereinigung mit ihr war stets anstrengend gewesen, wenn sie sich denn überhaupt bewerkstelli-gen ließ. Allein das Wort verrät die Probleme. Schwerer aber wog, daß der Knotscher ander-weitig gebunden war und auch nicht vorhatte, das zu ändern – schon gar nicht wegen eines BellepHattts. Gerade auch, weil an ihrer beider Vereinigungen immer dieses Vergebliche haften blieb und zumindest das Luxusburgchen nie zum Höhepunkt gekommen war – bevor e r kam, immer, suchte es Deckung. Zumal, so winzig das Geschöpfchen war, wäre es auch mit unter 3 mm Körperhöhe für Frau Knotscher Anstoß ständiger Eifersüchteleien gewesen; das BellepHattt war aber 13 cm hoch, wenn es sich reckte. Es ging außerdem immer in die Kneipe mit, wurde zum Zentrum befreundeter Hopfenjünger, die dem Knotscher allabendlich seine Biere spend-ierten, nur damit der das Luxusburgchen sich vor den Augen der Männer ausziehen ließ, um es dann auf seine Handfläche zu setzen, von der es so gern in die Tulpe hinabsprang. Für so etwas ist kein Ernährungsplan eine Alternative. So daß dem Knotscher die Vorstellung, wie das Luxusburgchen nun einem anderen ins Bier hüpfe, nackt oder nur mit dem Slip an, derart rasend machte, daß er, anstelle über seine Jouletabellen zu grübeln, den Janker vom Haken riß und in die Nacht des Treppenhauses stürmte, um sich weiter gen U-Bahn Richtung Lützowbar zu begeben. Dort hatte er das BellepHattt nämlich aufgegabelt, oder es ihn. Vor vier Monaten war das gewesen. Er hatte nicht an der Theke gesessen, sondern im hinteren Bereich in einem der schweren Sessel, auf die, nachdem das Maotsetung jahrelang so getan, nunmehr ein Dalai Lama lächelnd hinabsah – als es mit einem Mal PLETSCH! gemacht hatte. Nein, nicht „Platsch“, sondern PLETSCH. Zwei Pilsspritzerchen waren dem Knotscher spitz a) unter dem linken Tränensack, b) rechts auf der Oberlippe gelandet. Er hatte sein Glas gar nicht angefaßt, aber gesehen, wie da was reingefallen war. Es war, nach dem obligaten Mittwochs-Cocktail mit José Hugo Ernesto Lavantes, der aber schon gegangen war, des Knotschers sechstes Bier an dem Abend gewesen. Das will man dann besonders rein, da will man nicht, daß da was reinspringt; man weiß ja auch gar nicht, ob der Nachbar gesund ist, dem das aus der Westentasche hupft. Und kuckt auch noch erlöst, der Typ, springt auf und, ja, man muß sagen: f l i e h t. Ein gestandener Mann übrigens, ein Geschäfts- und Pragmatikermann von den Mokassins bis in den Zwirn der Krawatte. Läuft weg, ohne zu zahlen. Man faßt es nicht. Aber faßt's sowieso nicht. Denn im Bier schwimmt, und winkt!, dieses Fräulein, dieses, wie es sich dann selber nennt, Luxus-burgchen („ich bin dein Rosa Luxemburgchen“, auch das kam später vor). Über den Rand des Bierglases aber hat das BellepHattt seine nasse Kleidung gehängt. Die muß es schwimmend ausgezogen haben: ein rotes Kleid, etwa knielang, das BH'chen, ein Slipchen, und auf dem Rand balanziert sogar ein rotes, derart kleines Paar Pumps, daß der Knotscher nichtmal die Kuppe eines kleinen Fingers in die Schlupfe bekäme. „Wer bist du denn?“, fragt der Knotscher. Vielleicht fragt er auch: Was bist du? und die nackerte Bierjungfrau ruft: „Eine kleine Bierjung-frau, was sonst?“ und schlägt sich mit den Füßen Schaum zu einer Flosse zurecht, weil man sie nicht gleich versteht; die Musik in der Bar ist einfach zu laut. Dann zeigt das BellepHattt, wie es tauchen kann und daß ihm der ganze Alkohol nichts ausmacht. Aber mir, denkt der Knotscher, macht er etwas aus. So daß er, ohne sich etwas anmerken zu lassen, die Rechnung herbeiwinkt, aber immerhin fragt – es ist ja noch nicht leer: „Darf ich das Glas mitnehmen? Ich bring es auch wieder zurück. Versprochen.“
Was er bis vorhin vergessen hatte, bevor er nun endlich dort in der Ecke der Bar sitzt, ja meiner Bar am Lützowplatz – das leere Bierglas vor sich, in das er soeben aus einem vollen eingießt und sich umschaut und hineinschaut und immer betrunkener wird, mit jedem weiteren Bier, und immer immer trauriger wird er, weil das BellepHatt ausbleibt. Wie soll er auch wissen, daß es seit eben bei mir ist? „Ich liebe es“, sagt es, „Männer traurig zu machen. Auch dich werde ich traurig machen. Aber erst einmal glücklich. Nimmst du mich mit?“ Was bleibt einem Mann, der er ist, denn da übrig? „Zahlen“, sag ich. „Darf ich das Glas mitnehmen, bitte? Ich bring es auch wieder zurück.“
Das BellepHattt
Alban Nikolai Herbst
geboren 1955, lebt in Berlin; Schriftsteller; Grimmelshausenpreis 1995, Villa Massimo Rom 1998, Fantastik-Preis 1999; Poetik-Dozentur der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg 2007/08.

