Messe mit Schuß
Unda Hörner

Plötzlich steht es in einer Senke der sanften Hügellandschaft: das Bierzelt. Weiß leuchtet es auf der grünen Wiese. Für ein langes Wochenende ist es der Mittelpunkt der Welt, hier auf dem Lande, irgendwo bei Augsburg. Die Freiwillige Feuerwehr des Dorfes feiert ihr 125jähriges Bestehen. Die größte Attraktion sind hier sonst eher die Kühe, die neugierig ihre rosa Nasen aus den Ställen herausstrecken, oder das Kirchengeläut, das viertelstündlich die Uhrzeit verkündet. Aber jetzt: dieses Bierzelt. Blasmusik tönt durch das Tal. Das ist doch was anderes als der renitente Nachbar Hof, der fortwährend Hardrock hört.
Es ist Sonntag, noch früh am Morgen. Die Kellnerinnen lassen bereits die Muskeln spielen. Die Kapelle legt sich ins Zeug. Die Reihen sind dicht besetzt, und als wir einen Platz gefunden haben, halten gerade die stolzen Feuerwehrleute Einzug. Sie tragen bunte Banner, kostbar bestickt mit dem Emblem des jeweiligen Dorfes, der Kräftigste der Truppe trägt die Standarte, deren Stange in einem Schaft unterm Hosenbund angebracht ist, und läßt die Hüften kreisen, die Fahne schwingt in die Runde. Über die Tische geht ein Wind, der riecht nach Bier und Männerschweiß. Der nächste, der in das Zelt eintritt, ist der jüngste Sohn des Schlossers aus dem Dorf. Schmuck sieht er aus mit seiner Uniform und mit der Fahne, und er schwingt den Unterleib besonders doll. Die Weißwürste müssen vorm Mittagsläuten weg und vor allem vor dem Gottesdienst unterm Bierzelthimmel. Gegen 11 Uhr fährt der Priester in einer reich geschmückten Pferdekutsche vor, steigt mit wehender Soutane aufs Podium. Als die Messe beginnt, haben alle schon einen im Kahn. Die Hähnchengrillspieße hören auf zu rotieren, die Zapfhähne zugedreht für eine Weile. Die Maßkrüge abgestellt unter den Bierbänken, man erhebt sich zum Gebet. Kirche im Bierzelt, das ist doch was, und mit leichtem Bierrausch ist gut singen: Inmitten dieser fruchtbaren satten Landschaft leuchten sie einem wirklich ein, diese Liedverse über Gottes weite grüne Auen und das Gemeindeschiff, das in einen sicheren Hafen steuert. Ministranten in weißen Gewändern eilen herbei und tragen die neue Feuerwehrspritze herein. Der Priester schwingt einen großen Puschel: Das Gerät wird gesegnet. Jetzt spricht er von der Schlosserfamilie – der alte Kirchmüller, verbrannt bei einem Einsatz im Kuhstall, der in Flammen stand, aber Kirchmüller junior wieder tatkräftig dabei, und die Söhne des Schlossers nun so ganz im Sinne der Tradition! Der Benjamin mit dem Banner grinst über das ganze Gesicht. Gott mit dir du Land der Bayern – da singt er ganz laut mit. Die Maßkrüge werden wieder emporgestemmt, durstige Schlangen vor dem Zapfhahn, der Hähnchengrill hat seine fettigen Runden wieder aufgenommen, der Priester den Abendmahlkelch flott gegen einen Maßkrug getauscht und prostet der vollbusigen Bedienung im Dirndl zu. Er sucht Kontakt. Er ist der prominenteste Junggeselle im Dorf.
Spät verlassen wir das Bierzelt, morgen wird es wieder abgebaut sein, wir kommen durchs Dorf: Der Sohn des Schlossers sitzt breitbeinig im Vorgarten, die schmucke Feuerwehruniform hat er längst abgelegt, neben ihm steht ein Bierkrug und ein Kofferradio mit Cassettendeck, und er hört nicht mehr Blasmusik, sondern Rammstein und singt mit kreisenden Hüften: Willst du das Bett in Flammen sehen? Seine Stimme ist noch lauter als eben schon unterm Bierzelthimmel.

1961 geboren, lebt in Berlin und Paris als freie Autorin und Übersetzerin. Sie schrieb zahlreiche Biographien und Erzählungen, als letztes erschien der Essayband „Liebe zu dritt“ über skandalträchtige Dreiecksbeziehungen in den 1920er Jahren.