Als der „Alte Fritz“ ablegte von Wannsee, hatten wir längst die besten Plätze an Deck ergaunert, ganz vorn, mit freier Sicht aufs Wasser. Die Sonne knallte. Berny sah nach dem ersten Schluck wie Lederstrumpf aus. Ich wahrscheinlich desgleichen.
Tenz hatte den drei bejahrten Etepetete-Damen, die auf „unseren“ Stühlen schmorten, gesagt, hier sei leider nur das Heck. Und als sie ungläubig taten, charmant nachgesetzt: „Also hinten! Sie sehen von hier aus grundsätzlich nüscht, kann ick Ihnen versichern. Diese teure Dampferfahrt hätten Sie sich sparen können. Es sei denn …“ Außerdem würde hinten nie bedient. Da hier nur die Proleten säßen. Er wüsste dies aus Erfahrung. Er sei übrigens die Bedienung.
Die Damen, denen der Saft ordentlich lief, bedankten sich – Tenz reichte der einen ihre Krücke – und krochen in die entgegengesetzte Richtung, 15 Treppen runter, 30 Meter durchs Restaurant, 15 Treppen hoch und – plumps.
Wie wir später beim Beinevertreten, kurz vor dem Sacrow-Paretzer-Kanal, feststellten, hatte allerdings nur eine von ihnen das vermeintliche Vorderdeck erreicht – die mit der Krücke. Sie wollte aufmucken und holte zu prächtiger Geste aus, aber Tenz, nie Widerspruch duldend, ließ ihren viel zu großen lila Strohhut segeln. Er durchschnitt elegant die flirrende Luft, überschlug sich zweimal, schwebte mit der Beule nach unten aufs Wasser, hätte beinahe noch eine Ente erwischt und entschwand allmählich den Blicken. Wer das gesehen hatte, klatschte. Eine willkommene Abwechslung in dieser Eintönigkeit.
Ein Herr rief: „Bravo! Det war ja ’n Kunststück. Sind Sie Messerwerfer?“
Die Dame protestierte aufs schärfste, doch Tenz übertönte sie mühelos: „Tante, wat machste denn immer nur! Der scheene Hut! Mit dem scheenen Behang! Mein Jeschenk! Schmeiß jetze bloß nich wieder die teure Krücke hinterher. Die bezahlt det Sozialamt nich noch ma’.“
Wir gingen gelockert nach vorn. Die drei Musketiere. Berny spendierte unten zwei Lagen und sagte: „War ’ne gute Idee, Tenz. Das hatten wir noch nie.“
„Manchmal muß man improvisieren“, sagte Tenz.
Während wir es uns richtig gut gehen ließen, stehend, mit lächerlichster Aussicht durch die Scheiben, gerieten die beiden anderen Vertriebenen ins Visier, vor Kaffee und Kuchen sitzend. Tenz konnte es nicht lassen und prostete ihnen zu. Keine Reaktion.
„Siehste“, sagte er laut, „blind.“
Der „Alte Fritz“ brachte den Kanal hinter sich und fuhr in den Schlänitzsee.
Ein Steward steuerte auf uns zu. „Waren Sie das vorhin mit dem Hut?“
„Wer ist tot?“ fragte Tenz.
„Ob Sie das vorhin mit dem Hut waren?“
„Nö“, sagte Tenz. „Hutwaren? Nich det ick wüsste. Von uns hat keener so’n Laden…“ „Sie
wollen es also nicht gewesen sein?“, fragte der Steward.
„Wir ham noch nie wat verbrochen“, sagte Tenz. „Ehrlich, betone: Noch nie!“
„Auf jeden Fall werden Sie den Schaden ersetzen müssen…“
„Jute Idee! Danke!“, sagte Tenz. Und zu uns: „Der Käptn meint, wir sollten uns wieder setzen. Dann wolln wer ma. Los, Jungs, austrinken!“
Berny warf 300 Mark auf den Tresen. „Lassen Sie uns bitteschön alle sieben Minuten ’ne Lage hochbringen, ja? Der Rest ist für Sie.“
„In Ordnung“, sagte der Barmann und brüllte: „K-a-r-i-n!“
Ich kaufte ihm drei gute Zigarren ab. Er gab uns Feuer.
Es kam die schöne Karin aus meiner Schulzeit, meiner Klasse. Sie stutzte, und fiel mir dann um den Hals. „Mensch, Georg! Machste denn hier? Jahrzehnte nicht gesehn. Wir quatschen nachher oben, ja? Viel zu tun …“
Drei Herren schlängelten qualmend am Steward vorbei nach vorn, schafften kaum noch die Treppe und stolperten an Deck. Unsere Stühle waren besetzt. Zwei Opis, eine ondulierte Dame. Sie sprangen auf.
„Wird ja auch langsam Zeit“, sagte Tenz. Und mit einem Rundumblick: „Mann, wat is diese Potsdamer Havel vielleicht schön.“
Dann saßen wir endlich wieder. In einer Reihe, breitbeinig, die Hosen hochgekrempelt. Tenz flirtete mit der Sonne, ich machte mich oben frei.
Berny schmökerte in seinem gelben Taschenbuch, das er seit Jahren rumtrug. Reinschauen durften wir nie, doch gelegentlich las er daraus vor. „Hört mal“, sagte er: „Nur kurze Zeit ist jeder von uns Licht. Darum spannt die höchste Energie an in dieser Sekunde. – Gut, was?“ Tenz nickte. Ich wollte was erwidern, war aber zu faul. Unsere Biere kamen. Es wurde einer der kummervollsten Tage meines Lebens.
Ausflug
Jürgen K. Hultenreich
1946 in Erfurt geboren. Bibliothekar, seit 1985 freier Autor in (West-)Berlin. 1990 Marburger Literaturpreis. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt „Westausgang – 64 Stories“.

