Bier
Ulrike Kolb

Wer hätte gedacht, dass er, der Überempfindliche, der Vegetarier, der auf den Fotografien immer jung wirkende Mann mit der beinahe zerbrechlich wirkenden Statur und dem schmalen, dunklen Gesicht, der, den wir uns schwer an Biertischen mitten im grölenden Volk vorstellen können, sondern eher in der Schreibstube, einsam, in Ruhe, ganz für sich, wer hätte gedacht, dass ausgerechnet er ein Faible für Bier hatte? Nach den Spaziergängen mit seinem Freund Max trank er sogar „viel“ davon. Einmal ist in seinem Tagebuch von Jenaer Lichtenhainer die Rede, einem hellen, säuerlich schmeckenden, historischen Studentenbier im Holzkrug („Schandgeruch, wenn man den Deckel öffnet“). Ein andermal von Doppelmalz-Schwechater , wobei ihm „die Mengen, in denen es getrunken wird, und die Art, in der es behandelt wird, nicht gefallen.“ Kann sein, dass ihn solche Unmaß-Erfahrungen zu der Szene in seinem Schloss-Roman inspiriert haben. Da liegen Frieda und K. „in den kleinen Pfützen Biers und dem sonstigen Unrat, von dem der Boden bedeckt war. Dort vergingen Stunden, Stunden gemeinsamen Atmens, gemeinsamen Herzsch-lags, Stunden, in denen K. immerfort das Gefühl hatte, er verirre sich oder er sei so weit in der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch... “.
Kein falsches Bild will er aber von sich aufkommen lassen, vor allem nicht bei seiner Verlobten. Und so schreibt er ihr: „Fleisch kann um mich dampfen, Biergläser können in grossen Zügen geleert werden, diese saftigen jüdischen Würste... alles das und noch viel ärgeres macht mir nicht den geringsten Widerwillen, sondern tut mir im Gegenteil überaus wohl.“

Er wollte immer in Berlin leben, aber dieser Wunsch ist ihm erst am Ende seines Lebens in Erfüllung gegangen (und auch nur aus dem traurigen Grund, dass eine tödliche Krankheit ihn von der täglichen Fron im Büro befreite). Er wohnte sehr sparsam in verschiedenen Unterkünften. Die achtzehnjährige Dora Diamant liebt ihn und bringt ihm das östliche Judentum nahe. Ihm, der immer unter aufgeklärten, nicht sehr frommen Prager Juden lebte und erst spät hebräisch lernte. Die beiden spielen mit der Idee, in Palästina ein Restaurant zu eröffnen, ja, er soll sogar (im übermütigen und vielleicht fiebrigen Spiel) das Kellnern geprobt haben. Auch da noch, in seinen letzten Monaten, Wochen, Tagen, hat er Bier getrunken. Hat an seine Eltern geschrieben: „Meine Sehnsucht nach Wasser... und Obst ist nicht kleiner als nach Bier.“ Dabei konnte er nur noch unter Schmerzen schlucken. Er starb im Juni 1924, und noch in seinem letzten Brief spricht er vom Biertrinken.
Sie wissen es, es ist Franz Kafka. Ach, lesen Sie ihn doch wieder, und stellen Sie sich ihn vor, wie er im Biergarten sitzt und „ein kleines Bier zwischen den Fingern dreht“.

1942 geboren, lebt in Frankfurt und Berlin. Unter anderem Kurzgeschichten und Romane. Zuletzt erschienen „FRÜHSTÜCK MIT MAX“, 2000; „DIESE EINE NACHT“, 2003; „YORAM“, 2009.