Lodz, Polen
Wenige Kilometer hinter Lodz halte ich an einer Bar. Die Bar liegt in einem Kreisverkehr. Ein Fahrer steigt bei der Bushaltestelle gegenüber aus. Er kommt näher, zwei kleine Mädchen mit Lutscher, Brillen und dünnen Beinen folgen. Wir gehen alle in die Bar. Die kleinen Mädchen setzen sich an einen Tisch, legen vier Fäuste auf die gehäkelte Decke und beobachten die größeren Mädchen aus den Augenwinkeln. Die beobachten den Jungen am Spielautomaten. Er ist der Hübscheste im Raum. Sein letztes Spiel spuckt eine Salve von fünfzehn oder zwanzig Zsloty aus. Ich setze mich im Kopf zu den beiden dünnen Kleinen, bin dreißig Jahre jünger und habe eine Zahnspange, die das Lächeln versilbert. Ich fühle mich wohl hier, zum ersten Mal seit langem, habe, was in mir ist, ein Außen, das passt.
Ich bestelle ein Bier.
Czenstechowa, Polen
Das Hotel Sekwana liegt am Fuß der Basilika. Sekwana heißt Seine, und der Besitzer des Hotels spricht fließend falsches Französisch. Kurz vor Mitternacht sitzen wir auf Kunstrasen am Straßenrand und bekommen noch ein Bier. Denn ich spreche Französisch. So ist der Hotelbe-sitzer auf eine grimmige Art von mir angetan. Jemand mit Wollmütze räumt Tische und Stühle weg, bis nur noch der eine Tisch von uns übrig ist. Wir sitzen, der mit der Wollmütze steht und starrt auf den Kunstrasen mit den Druckstellen, wo eben noch Tische und Stühle und Gäste waren. Er will, dass auch von unserem Tisch nur noch solche Druckstellen übrig sind. Und das ziemlich rasch! Der Besitzer vom Sekwana schickt ihn weg. Der mit der Wollmütze versteht nichts, hängt nur an seinem Auftrag, geht zwei Schritte zurück und dann drei vor und will gleich weiter räumen, greift unseren Tisch schon an, da bringt die Kellnerin auch ihm ein Bier. Bier versteht er. Bier heißt, Schluss für heute. Er trinkt im Stehen an die Hauswand gelehnt und stellt das leere Glas auf die Fensterbank zur Küche. In dem Moment schaltet sich der blaue Schriftzug Sekwana aus.
Sils Maria, Schweiz.
Bei der Post in Sils Maria steige ich aus dem Bus. Es ist Juni und ein Wetter wie im Herbst. Die Hotels an der Straße sind noch geschlossen. Zwischensaison eben. Auch Nietzsche in seinem Häuschen gleich neben der Bushaltestelle hat die tote Zeit genutzt, hat renoviert und in den Container vor seinem Haus den alten Kühlschrank und ein zerbrochenes blaues Bidet geworfen. Das Auto, mit dem ich abgeholt werde, fährt die steile Kurve hinauf zum Hotel Waldhaus, das hoch über dem Dorf gelegen ist wie eine Burg. Sie droht bei meiner Ankunft in Nebel und Wolken zu verschwinden. Làhaut sur la montagne, heisst ein altes Volkslied. Auf einer Bank auf der Hälfte des Berges stehen zwei leere Flaschen Bier. Na, wie seid Ihr denn hier hergekommen?

