„Wir müssen dringend was trinken. Die haben Efes“, sagt Emre. „Würden wir laufen oder mit dem Auto fahren, bekämen wir hier nirgendwo was!“
Für diese Zeit braucht es vielleicht eine Erklärung. Die Sonne scheint auf den Tisch.
Zwei Männer stehen schweigend im Gang des gefüllten Speisewagens und halten Teegläser zwischen Daumen und Zeigefinger. Schneebedeckte Bergkuppen ziehen vorbei.
„Ja, okay, trinken wir ein Bier.“
Emre bestellt auf türkisch. Wir beobachten auf den vorbeiflitzenden Wiesen drei Schafherden, die von Hirten und Hunden zusammengehalten werden. Der Kellner bringt das Bier und zwei kleine Gläser mit einer durchsichtigen Flüssigkeit und Wasser. Ich sehe Emre vorwurfsvoll an.
„Wir haben von Bier gesprochen. Was ist das?“
„Raki! Guter Raki.“
„Du willst also, daß wir uns die Köpfe wegschießen?“
„Ich habs doch gesagt. Du weißt, wenn wir laufen würden, könnten wir das nicht.“
Ich sehe ihn an und rühre mich nicht.
„Du verstehst das nicht. Draußen ist alles muslimisch.“
„Ach, hör doch mit der Nummer auf!“
Der Zug fährt in einen Tunnel. Ich sehe unsere gespiegelten Köpfe im Fensterglas. Zwei fehlerhafte Systeme. Ich sags ihm nicht. Als der Zug den Tunnel verläßt, entdecke ich hinter Emre einen gerahmten Atatürk an der Wand. Emre geht wortlos Richtung Toilette. Der Kellner kommt, räumt die Biergläser ab, reckt Zeige- und Mittelfinger und fragt mit den Stirnfalten. Ich nicke stumpf. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein Gleichaltriger und arbeitet sich mit sanften Bewegungen der Finger einen weißen Gebetskranz entlang. Bewegungen, beobachtet man sie länger, die unruhig machen.
„Wir nennen es Löwenmilch“, sagt Emre, während er Wasser auf den Raki gießt. Es schneit kurz.
„Und du und ich“, sage ich, „wir sind jetzt also Löwen.“
„Genau!“
„Das ist dämlich!“
„Nein, wir trinken jetzt wie Löwen.“
„Ich weiß nicht, wie ein Löwe trinkt.“
„Na ja, zum Beispiel schon mal nicht wie eine Antilope.“
Ich tippe mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.
Emre grinst.
„Wunderbar, dann mal los!“
Ich kippe das Zeug runter. Er lacht.
„Du mußt das nippen. Wir haben guten Raki.“
„Ach, was!“
Ich mache mit der Rechten eine Wegwerfbewegung. Der Kellner bringt das Bier.
„Ja, perfekt!“, freut sich Emre und schlürft den Schaum ab. Er schnalzt mit der Zunge. Ein Geräusch, als würde einer mit einem breiten Löffel auf einen Pott Götterspeise hauen.
„Wir haben gutes Bier.“
„Emre, kannst du bitte diesen bescheuerten Plural weglassen. Du hast die Plörre weder erfunden noch gebraut und Vertreter von dem Zeug bist du auch nicht!“
„Das ist eine türkische Krankheit“, wiegelt er ab. „Schau doch mal aus dem Fenster. Auf jedem Fensterglas sind Halbmond und Stern. Das gehört der Türkei. Und wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man immer Halbmond und Stern mit. Das gehört auch alles der Türkei. In jedem öffentlichen Raum sieht dich unser großer Staatsgründer Atatürk mit seinen strengen Augen an. So ist das.“
„Gut, und das Saufen habt ihr auch erfunden, oder was?“
Emre sieht mich an. Sein Blick hat eine Intensität, da möchte man nicht dazwischen kommen. Ich hebe die Hände, als würde ich mich ergeben wollen. Er nickt langsam und sieht dann aus dem Fenster. Der Kellner bringt Nachschub. Nach gefühlten fünfzehn Minuten wendet Emre plötzlich ruckartig den Kopf zu mir, stemmt seine wuchtigen Unterarme auf den Tisch und sagt: „Und Frauen.“
„Was?“
„Was ist mit Frauen?“
„Wie meinst du das?“
„Bei dir. Du und die Frauen. Was ist damit?“
„Verheiratet.“
„Oh, nein!“
„Das ist gut.“
Emre sieht genervt zur Seite.
“Dann erzähl mir mal was von Emre und den Frauen!“
„Nein!“
„Na los, erzähl!“
Der Kellner bringt vier Raki. Kein Wasser. Emre hebt entschuldigend die Schultern.
„Ich habe den Takt gesteigert.“
Ich kippe das Zeug runter. Emre macht mit.
„Nippen, Emre, nippen.“
Er grinst.
„Ja, Frauen, darüber wolltest du reden. Du bist verheiratet, gut, also keine Geschichten. Ich habe mich letzten Monat in eine Schwedin verliebt. Blondes Haar. Blond. Total blond. In Istanbul. Und was für ein Arsch. Wir hatten Sex und ich habe ihre Telefonnummer.“
„Und jetzt mußt du irgendwie nach Schweden kommen, oder?“
„Die Nummer ist falsch, kein Anschluß unter dieser Nummer, soviel schwedisch verstehe ich.“
„Ach, scheiß!“
Ich rudere mit den Händen herum.
„Bier?“
Emre nickt. Draußen setzt Dunkelheit ein. Eine von dutzenden Scheinwerfern erhellte Tankstelle, wie in Brand gesetzt, fliegt vorbei.
„Sag, los, entzücke mich doch“, nuschelt Emre.
„Dämmrung deckt die Lande“, nuschel ich.
Wir lachen laut. Dann steht Emre plötzlich schwankend auf und brüllt Richtung Kellner: „Zwei Löwenmilch, Türkei, aber hurtig!“
Löwenmilch
Björn Kuhligk
1975 in Berlin geboren, lebt dort. Zuletzt erschienen „Der Wald im Zimmer – Eine Harzreise“ (mit Jan Wagner) (2007), „Das Münchner Kneipenbuch“ (hg. mit Tom Schulz) (2009) und „Von der Oberfläche der Erde“ (2009).

