Der schwimmende Markt
Thomas Lang

Als Letztes bleibt ihr so ein Klarinettentriller im Ohr. Sie denkt sich nichts dabei, sie merkt nur, der ist hängen geblieben. Komisch, dass ihr diese Musik gefällt. Den Mann gegenüber kannte sie vor einer Stunde noch nicht. Er stützt die Ellbogen auf den schmalen Tisch, hat sich weit vorgebeugt, er schaut unverhohlen ihre Brüste an. Sie senkt automatisch ebenfalls den Kopf und betrachtet die beiden, schön braun geworden sind sie, schön rund – nichts was sie verstecken müsste. Anfangs fand sie den neuen Bikini zu knapp. Heute sitzt er gerade richtig. Die Nippel sind im kühlen Hauch der Klimaanlage aus ihrem Versteck gekommen, auch das stört sie nicht.
Es sind gute Nippel, nicht so mickrig und mädchenhaft wie die der meisten Frauen hier.
Dieser Mann hat ihr schon vor dem ersten Bier gefallen. Er stand draußen bei den märchenhaften Truhen voller Eiswürfel und kam ihr bekannt vor. Er könnte in so einem Werbespot mitgespielt haben. Wahrscheinlich aber sind solche Typen viel zu reich, um in denselben Clubs Ferien zu machen wie eine angehende Visagistin, und viel zu eingebildet, um dort auf ein German Beer Fest zu gehen. Ohne den Streit mit Hansi wäre selbst Margi nicht hingegangen. Widerliche Sauferei von morgens bis abends. Margi stellt sich unter einem Urlaub was anderes vor als nur am Pool liegen und sich volllaufen lassen oder im Bett liegen und sich da volllaufen lassen. Til (so einen süßen Namen hat er auch noch) hat die Höhlen mit Zeichnungen der Ureinwohner besucht und war auf dem schwimmenden Markt. Vor allem aber taucht er und redet wunderschön vom Sponge Forest mit seinen Tonnen-, Trichter- und Orgelpfeifenschwämmen. Seine Augen sind tief wie das Meer, von dem er spricht, und leuchten ebenso hell.
Eine farbige Bedienung mit sehr locker sitzendem Mieder kommt vorbei, doch Til schaut gar nicht hin. Er wedelt nur mit der Hand und bestellt noch zwei Bock. Die Bedienung schüttelt den Kopf. „Kein Bock“, sagt sie in ihrem schlechten Deutsch. Margi lacht blöd. Til weigert sich, etwas anderes zu bestellen. Stattdessen nimmt er einen tiefen Schluck aus Margis Glas. „He“, protestiert sie, „das ist mein Bier.“ Er lacht so süß.
Als sie aufstehen, schwindelt ihr ein wenig. Die Luft draußen ist heiß und feucht, kein Unter-schied zum Mittag auszumachen. Til geht kraftvoll, sein Arsch ist muskulös und schön rund, das lässt sich sogar durch die Shorts erkennen. Bestimmt trainiert er. Bei der Vorstellung, mit ihm zu gehen, wird Margi schwach. Nein. Bestimmt wird er sie stehen lassen, vielleicht noch ein Küsschen auf die Wange. Margi wünscht sich, dass sie wenigstens einen Rock anhätte. Zwei Cocktails später in seinem Zimmer taucht er zwischen ihre Beine. Sie kann von oben auf seinen Lockenkopf schauen, aber meistens hält sie die Augen fest geschlossen und beißt sich vor Lust auf die Lippen. Sie bebt. Ihre Nippel werden schon vom kleinsten Lufthauch elektrisiert. Bald möchte sie ihn in sich spüren, sie zieht sanft an seinen Schultern. Er gleitet an ihr hoch, sie spürt seine Schenkel auf ihren Schenkeln und seine feste Männerbrust auf ihrer. Sein Penis wird nicht hart genug, um in sie einzudringen. Er merkt es und bemüht sich noch mehr. Margi hilft ihm, erst mit der Hand, dann mit dem Mund. Nichts zu machen. Irgendwann ist er eingeschlafen. Sie nimmt noch ein Cola Rum. Schon wegen dem Geschmack. Zum Glück ist niemand auf dem Flur.
Die Luft draußen ist immer noch zu heiß. Sie hätte diesen letzten Drink nicht nehmen sollen. Lustig, wie viel Eis da plötzlich ist. Ein Meer von Eis. Genauso viel braucht sie jetzt. Nicht einen Würfel in den Nacken. Nicht eine Handvoll zwischen ihre Brüste. Ein ganzes Bett voll muss es sein.

1967 geboren, lebt seit 1997 als freier Autor in München. 2005 Bachmann-Preis. 2010 erscheint der Roman „Bodenlos“.