Ihre Freundin ist Passepartoutmacherin und hat alle drei Monate eine Affäre. Sie sitzt mit Fräulein Montag am Tisch und simst ununterbrochen. „Tschuldige“, sagt sie ohne aufzuschauen, „ich bin so verknallt, ich kann mich nicht beherrschen.“
Fräulein Montag spürt eine Hitzewelle aufsteigen und greift nach dem großen kühlen Glas mit Bier. Kältetropfen machen das Glas außen feucht.
Ihre andere Freundin ist Hutmacherin, sie sieht Fräulein Montag über den Tisch hinweg an und verdreht die Augen.
Die drei Damen trinken jeden Mittwochabend zusammen ein Bier, nach dem Rudern. Vom Rudern kriegen sie ordentlich Durst, vom Schwitzen noch dazu. Sie hocken bei Frankie in der Gastronomie und warten auf die Heringe mit Pellmännern, die sie jeden Mittwochabend zu ihrem Bier verschlingen. Das Rudern macht sie auch ordentlich hungrig. Ein tiefer sitzender Hunger tritt dazu, allen dreien ins Gesicht, und sie verschlingen die Heringe mit Verve.
Heute sind sie noch hungriger als sonst, denn sie mussten mit einem Wetter kämpfen, einmal um die Pfaueninsel rum und retour, und Fräulein Hutmacherin am Steuer schrie: „Auf Schlag! Und los! Die Stemmbretter sind nicht zum Füße abstellen da!“ Und sie schaukelten das Boot über ansteigende Wellen. Die dunkelgraue Wand folgte ihnen ohne Verzug, und kurz vor dem Ende der Fahrt entlud sie ihren Inhalt.
Jetzt sind die Damen heiß geduscht und knurrig, die Heringe noch immer nicht fertig! Denn Frankie raucht wie ein Schlot und muss zwischen Bier und Heringen mal raus auf die Terrasse. Auf der Terrasse sitzen sie im Sommer und gucken auf den blauen See. Heute ist nichts mit Terrasse.
Fräulein Montag ist Schneiderin. In ihrem Schrank wohnen Dutzende ungetragene Kleider. Fräulein Montag findet diese Kleider so schön, dass sie sich nicht entschließen kann, sie zu verkaufen. „Du wirst dich noch ruinieren“, sagt Fräulein Hutmacherin jetzt gerade streng. Jedesmal wenn eine Frau vor Fräulein Montags Schneideratelier steht und in die Hände klatscht und ruft: Das ist es! Genauso eines habe ich schon immer gesucht! und in den Laden stürmt und das Kleid anprobiert, denkt Fräulein Montag bei sich: Nein. Ihr Busen ist zu dick. Ihre Taille ist zu schmal. Ihre Beine sind zu lang. Nein, sie ist nicht die Richtige für dieses Kleid. Und sie bedrängt die Kundin ohne einen Vorwand, das Kleid sofort wieder auszuziehen und schubst sie aus dem Laden. „Die Kleider werden dich bald ersticken!“, sagt Fräulein Hutmacherin jetzt und schleckt ihre bierfeuchten Lippen.
Fräulein Montag kriegt einen roten Kopf und am Körper stechen sie tausend feine Nadeln. „Früher war ich immer reizend und machte auch einen flotten Umsatz“, murmelt sie vor sich hin. Und setzt das Glas an und trinkt.
„Du kennst dich selbst nicht mehr“, sagt ihre Freundin bestimmt, „das sind die wechselnden Jahre.“ Fräulein Montag wird wütend und schwitzt. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, wenn die alten Frauen die Köpfe zusammensteckten und von einer anderen sagten: „Sie hat die fliegende Hitze“ oder „Die fliegende Hitze ist Schuld daran“.
„Hör jetzt endlich auf“, sagt sie bissig zu Fräulein Passepartout, die völlig verzückt auf ihr Handy starrt. „Du willst doch die Männer bloß in deine schönen Rahmen kriegen. Der Rahmen ist zu eng, der Kerl passt nicht rein, versuchen wir es doch mit dem!“
Das Fräulein Passepartout hört zum Glück gar nicht hin. Sie war früher immer Fräulein Montags liebstes Modell. Ihr standen die Kleider am besten. Aber heute findet Fräulein Montag: „Du siehst aus wie eine Bohnenstange!“
Fräulein Montag trinkt das Bier in großen gierigen Schlucken. Das Bier kühlt die böse Hitze und Fräulein Montag bestellt noch ein Glas.
„Lasst einfach alles los“, sagt Fräulein Hutmacherin und zieht ein Schnutchen. Sie tut immer ganz ungeniert, als äße sie hemmungslos gern, und zählt dabei heimlich die Kalorien.
„Ihr geht mir beide auf den Wecker“, kommt es aus Fräulein Montag heraus, doch es klingt fast schon sanft. Das schöne kühle dunkle Bier macht sie allmählich ganz friedlich. Wenn ich so weitermache, denkt sie bei sich, dann ende ich noch ganz einsam. Eine letzte Welle Hitze überfällt sie, dann erfüllt das Bier ihre Glieder. Die vielen Sorten Bier, die es gab! Aber sie trank immer nur das dunkle, bisschen herbe, den Negerschweiß, wie ihr Herr Papa das immer nannte, Gott hab ihn selig, das darf man aber heute nicht mehr.
Fräulein Montag seufzt. Sie sieht die vielen ungetragenen Kleider sich aus dem Schrank befreien und über den stürmischen See tanzen.
Da kommen auch endlich, mit Butter und Sahne, die Pellmänner und ihre leckeren Fische.
Fräulein Montag trinkt ein Bier
Tanja Langer
geboren 1962 in Wiesbaden, seit 1986 in Berlin. Theaterregie; dann: Erzählungen, Hörspiele, Oper „Kleist“ (Mu: R. Rubbert), vier Romane, zuletzt: „Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte“ (2006), „Nächte am Rande der inneren Stadt“ (08). Fotokünstlerin. 3 Kinder.

