Gewiss
Gerd Loschütz

In jenen zurückliegenden Wochen, in denen ich zum ersten und letzten Mal motorisiert war, fuhr ich an einem verregneten Nachmittag mit dem Velosolex über die damals noch von Straßenbahn-schienen durchzogene Schöneberger Hauptstraße. Es war kein richtiger Regen, der fiel, sondern eine die Luft sättigende Nässe, die sich von einer bestimmten Geschwindigkeit an im Gesicht, auf den Händen, der Brille, der Kleidung als Wasser niederschlug. Wär’ nicht das Zischen gewesen, mit dem sich die Räder durch die Schmiere auf dem zwischen Pflaster und Asphalt wechselnden Straßenbelag fraßen, hätte man dem Motorgeräusch etwas Beruhigendes abgewinnen können, vergleichbar dem einschläfernden Summen der mütterlichen Nähmaschine, unter der ich als Kind gehockt hatte, so aber war von Anfang an das Gefährliche da, die sich ins Ohr fräsende Warnung: Pass auf! Die Nässe kühlte die Stirn, die zur Erfrischung abwechselnd gegen die Fahrtrichtung gehaltenen Schläfen, innen aber, im Kopf, glühte und hämmerte noch vom Vorabend her das vom Alkohol unzähliger Halbeliter durchschwemmte Blut. Ich kam, wie ich da unterwegs war, von der Verabredung mit einer nach meinem Dafürhalten schönen dunklen Frau, wobei der Eindruck des Dunklen weniger von ihrem Äußeren herrührte als von einer bestimmten Art, das Gesagte in der Schwebe zu halten. Gewiss, pflegte sie zu sagen, schaute dabei aber an einem vorbei, so die Zustimmung ins Unverbindliche ziehend, was sie der Einlösung ihres Versprechens enthob. So war es auch bei ihrem mir am Vorabend gegebenen Wort – Morgen um drei im Café? Gewiss –, denn obwohl ich in der Meinung, sie eintreten zu sehen, mehrmals aufgesprungen war, hatte ich am Ende vergebens gewartet. Und war nun, wie gesagt, mit dem Velo, dem ich in meiner Erklärungswut die Schuld an ihrem Fernbleiben gab (vielleicht hatte sie, mich vorm Café absteigen sehend, beschlossen, dass der Benutzer eines solchen Vehikels für sie als Gespräch-partner und Liebhaber nicht in Frage kam und war kurzerhand umgekehrt), auf dem Rückweg zu meiner letzten Wohnung. Ach, welch blendende Gegenden und Häuser hatte ich für meine Zukunft ins Auge gefasst! Eben ging das rutschige Pflaster wieder in den ebenso rutschigen Asphalt über, das Vorderrad zog ohne mein Zutun nach links auf die Schienen, weshalb ich vorsichtig, um nicht zu stürzen, dagegen steuerte, als ich hinter mir einen Luftzug spürte und zugleich in der Frontscheibe eines entgegenkommenden Lasters das gelbe Auto mit dem zwei Meter hohen Bierglas auf dem Dach erblickte, den damals zum Straßenbild gehörenden Liefer-wagen einer bekannten Brauerei, der sich so dicht hinter mich gesetzt hatte, dass es aussah, als wollte er mich, mit seiner Schnauze vor sich herschiebend, nach Hause befördern. Habe ich gesagt, daß ich mehr trank als mir gut tat und mir für den in wenigen Tagen bevorstehenden Geburtstag Besserung gelobt hatte? Ja, kein Bier mehr. Oder nur noch in kleinen, keinen Rausch verursachenden Mengen, eine neue, möglicherweise auch dunkle Frauen überzeugende Straffheit hatte in mein Leben einzukehren. Gleich beim ersten Versuch war es mir gelungen, das Velo aus der Straßenbahnspur zu bugsieren, zurück auf den eben wieder vom Asphalt zum Pflaster wechselnden Belag, als das Hinterrad wegrutschte. War ich über ein Hindernis gefahren, in ein sich unerwartet auftuendes Schlagloch, beim Bremsen auf einen Ölfleck? Das Velo schleuderte herum, ich schlug vor der gelben Autoschnauze mit dem Rücken auf, dass es krachte. Bevor das Rad über meinen Kopf rollte, dachte ich, daß sie nun doch gekommen sei, und mich danach in Windeseile nach oben hin entfernend, so daß ich mich immer kleiner dort unten liegen sah, hörte ich sie, sich über mich beugend, aber freilich den Blick schon wieder abwendend, flüstern, gewiss, gewiss.

geboren in Genthin (Sachsen-Anhalt). Zuletzt erschie-nen die Romane „Dunkle Gesellschaft“ (2005), „Die Bedrohung“. (2006) und der Erzählungsband „Das erleuchtete Fenster“ (2007)