Kronkorken
Monika Maron

Als der scharfe Schmerz ihr in den nackten, vom Badewasser aufgeweichten Fuß fuhr, von da durch das ganze Bein bis in den Bauch, wußte sie, daß er nur von so einem Ding herrühren konnte, von einem dieser gummigefütterten, runden, gezackten Blechdinger, die ihr Mann wie eine Schleimspur in der Wohnung hinterließ, in der Küche, in den Zimmern, in der Spül-maschine, im Bücherregal, auf ihrem Schreibtisch, auf seinem sowieso, im Staubsauger, unter der Frottématte im Bad, in Balkonkästen, Schubfächern, Aschbechern, Einkaufsbeuteln, Tassen, auf Tischen, Tellern und Teppichen, überall waren sie zu finden, wie eine lebendige Population, die sich karnickelmäßig vermehrte oder wie der Bierdunst, der Abend für Abend durch ihre Woh-nung quoll. Sie löste das Ding, das sich tief in den Ballen gedrückt hatte, vom Fleisch, fuhr mit dem Finger über das kreisförmige Muster in ihrem immer noch schmerzenden Fuß. Jetzt reicht es, dachte sie, holte leise, um den ahnungslosen und im Schlaf stoßweise röchelnden Mann nicht zu wecken, ihre Kleider aus dem Schrank und den Koffer aus der Kammer und als sie den Koffer öffnete, rollten ihr zwei, wie ein kopulierendes Paar ineinander verkeilte Kronkorken entgegen. Jetzt reicht es wirklich, sagte sie und packte.

1941 in Berlin geboren, lebt in Berlin; u. a. Kleist-Preis 1992; Veröffentlichungen u. a. „Stille Zeile Sechs“, „Animal Triste“, „Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte“, „Endmoränen“, „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“, „Ach Glück“, „Bitterfelder Bogen“.