Anonyme Alkoholiker, 1969
Thomas Meinecke

Jetzt mal vorstellen: Ich als zwölfjähriger Steuermann (noch schmächtig, sehr unmännlich, das breite Kreuz erst später durchs eigene Rudern gekriegt) im Hamburgischen Ruderclub Favorite Hammonia, im Altherren-Achter (ich denke, die acht Ruderer waren keine dreißig Jahre alt), das Boot lenkend, dabei die Männer anfeuernd. Immer wenn wir eine Regatta gewonnen hatten, wurde ich an den Armen und Beinen ergriffen und zumeist in die kalte Alster, Hamburgs Binnengewässer, einmal auch in ein dänisches Gewässer, geworfen. Im Klubhaus dann, zur Belustigung der Mannschaft, mit einem Wasserglas hochprozentigen weißen Rums wieder aufgewärmt: von innen nach außen aufgewärmt. Das waren meine ersten alkoholischen Räusche, lange vor dem Stimmbruch, und sie waren mir körperlich angenehm. (Und bereits eigentümlich ritualisiert.) Sie ließen mich zu den abenteuerlichen Büchern Jack Londons greifen.
Und eine rudimentäre Philosophie errichten: Logisch wäre später unbedingt nach Kanada auszuwandern. Bix Beiderbecke, der suizidale Posterboy an der Wand meines suburbanen Jugendzimmers, war mein König Alkohol. – Es folgten regelmäßige Bierexzesse mit meinem Jugendfreund Frank, der nicht ruderte, sondern segelte (Segler sind Ruderern eigentlich verhaßt: ein fragwürdiges Gesetz gewährt denen, die vor dem Wind segeln, kategorisch die Vorfahrt), – im zarten Alter von vierzehn Jahren, auf der Basis von heimlich dem Keller meiner Eltern entwendeten, nicht selten draußen, in der Dämmerung, dem schier endlosen hanseatischen Winter, kaurismäkiesk im Nieselregen, auf Straßen, genossenen Flaschen bitteren Jever-Biers. – Auf eigene Kosten die billigere und etwas weichere Marke Holsten Edel (Holsten knallt am dollsten) bevorzugt. Erst später, als Besucher aus dem Süden, festgestellt, daß Hamburger Bohemisten mit Vorliebe das viel schrecklichere Astra-Bier trinken: noch immer im geschätzten Pudel Club üblich. – Heute bin ich (längst Rotweintrinker) zufrieden mit den einer katholischen Lieblichkeit geschuldeten Bräuformeln meiner oberbayerischen Wahlheimat: das von jeglichem Marketing unbeleckte Augustiner Bier kannst du mittlerweile auch im Pudel bestellen (weiß gerade nicht, ob Hell oder Edelstoff), aber noch nicht das Andechser Hell. – Kloster Andechs, Heaven and Hell, wo ich meine Tochter taufen ließ (die anschließende Feier im klerikalen Biergarten inbegriffen), weil Herbert Achternbuschs nach diesem heiligen Ort benannter Spielfilm, den ich zuerst in Hamburgs Abaton Kino gesehen hatte, mich nicht zuletzt 1977 nach München und quasi von Punk nach Disco hatte ziehen lassen. – Dann wurde es Frank und mir, immer noch vor dem Stimmbruch, doch etwas unheimlich: Jedes Wochenende blau, das war ein Riesenspaß, aber konnte das wirklich gesund sein? Wir hatten entfernt von einer Organisation mit dem vielversprechenden Namen Anonyme Alkoholiker gehört, suchten deren Telefonnummer aus dem Telefonbuch meiner Eltern und wählten, als sonst niemand im Haus war, klopfenden Herzens, voller Hoffnung auf konstruktive Beratung, die entsprechende Nummer. Wir sprachen mit hellen Stimmen aufgeregt in die Leitung, ab welcher Frequenz unserer (offen eingestanden) regelmäßigen alkoholischen Exzesse das Wohl unserer halbwüchsigen Körper gefährdet wäre. Ihr sollt überhaupt nicht trinken, schallte es uns streng vom anderen Ende der Leitung entgegen. Wir waren zutiefst enttäuscht: Das wollten Alkoholiker sein?

1955 in Hamburg geboren und lebt seit 1994 in einem Dorf im bayerischen Voralpenland. Er ist Schriftsteller, Musiker und Diskjockey. Seine Bücher erscheinen im Suhrkamp Verlag. Aktuell: „Jungfrau“, Roman, 2008.