Trotz
Annette Mingels

Wenn ich abends nach Hause komme, ziehe ich als allererstes meine Schuhe aus. Grobes Leder mit dicker, geriffelter Sohle, an der oft Straßendreck klebt, kommen sie mir nicht ins Haus. Noch bevor ich in die Diele eintrete und Licht anmache, habe ich sie schon ausgezogen und hangle mit einer Hand nach den Hausschuhen, die immer links von der Tür stehen. Mit der anderen Hand halte ich mich am Türrahmen fest. Meine Hausschuhe sind aus einem weichen Material, sie sehen aus wie Wollknäuel mit Gummisohlen. Auch ansonsten ist es bei mir gemütlich: breite Sessel, Decken, Kissen. Ich brauche Weiches um mich herum.
Vielleicht weil ich Lehrer bin, und das ist etwas Hartes. Den ganzen Tag Gezänk, Auseinander-setzungen, Widerstände gegen meine Autorität. Und dann die Fortsetzung im Lehrerzimmer. Selten mal was Schönes. Meist aus der Form geratene Frauen, denen man die Ideale ihrer Studentenzeit noch an den fransigen Tüchern, den ausgebeulten Röcken, im Sommer an ihren nicht rasierten Achselhöhlen ablesen kann. Was mal jugendlichen Charme hatte, ist jetzt nur noch etwas Lächerliches, sich selbst unentwegt Blamierendes. Mal gefällt mir aber auch eine, und das ist dann meistens eine junge, eine, die Kostüme trägt und sich die Augenbrauen zupft. Eine, die ich damals nie gewollt hätte und heute nie bekommen könnte.
Denn auch ich bin aus der Form geraten – innerlich wie äußerlich. Meine Ideen von mir sind irgendwo geblieben, ich weiß nicht wo. Und mein Körper sieht aus wie der eines alten Mannes, der Bauch wölbt sich unter meinen Flanellhemden, die mir manchmal sogar aus der Hose rutschen, so dick bin ich geworden. Wenn ich nicht rauchen würde, wäre ich noch viel dicker. Sport machen mag ich nicht.
Ich habe es in einem Anfall von Optimismus vor einigen Monaten mal wieder versucht. Nachts hatte ich wach gelegen, und wie ein Rauschen ging’s mir immer wieder durch den Kopf: Du musst dein Leben ändern. Ich sah in einer Art Traumgestalt vor mir, wie ich gerne wäre: Jugendlich, trotz grauem Haar, charmant, selbstsicher, souverän, die Schule als Nebenjob zum eigentlichen Leben betrachtend. Intellektuell, gebildet, interessiert an allen kulturellen Dingen. Endlich mal wieder in eine Ausstellung gehen und jedes Bild auf mich wirken lassen. Ins Theater. Frauen treffen. Lachend sein und geistreich. Überzeugend in ein neues Stadium eingetreten, nicht länger eine schlechte Fortsetzung der Ideen von früher, sondern etwas Neues, sogar Besseres. Ich hätte mich entwickelt.
Ich ging dann in ein Fitness-Studio. Hangelte mich wochenends und manchmal auch nachmittags von einem glänzenden Gerät zum nächsten. Trainierte mit Gewichten der unteren Kategorie, und wenn ich mich steigerte, immer mehr Metallplatten aufeinanderlegte, schaute ich mich aus den Augenwinkeln um, ob’s jemand bemerkt. Wenn dann zufällig jemand zu mir hinsah, schaute ich schnell weg. Langweilig war es, und auch der Anblick der knappen Turnanzüge der Frauen vertrieb mir die Zeit nur mäßig. Wie nachts, wenn ich nicht schlafen kann, wusste ich auch hier nicht, an was ich denken sollte. Mal an Sex, mal an einen Film, mal an eine Beleidigung. Nach zwei Monaten sah ich nicht besser aus als vorher, weder von vorne, noch von der Seite. Mein Bauch war noch genauso dick, Muskeln hatte ich auch jetzt keine.
Seitdem gehe ich nur noch manchmal hin. Für ein Jahr bezahle ich immerhin, ganz lassen will ich es da nicht. Aber mein Ehrgeiz ist weg. Ich lege mir nur noch ganz wenige Metallplatten aufeinander. Und manchmal trinke ich danach, am hellichten Tag, ein Bier. Die Kioskfrau kennt mich schon. Ich lehne mich gegen die Hauswand, ignoriere die Penner, die da immer rumstehen, und trinke langsam die Flasche aus, ohne einmal abzusetzen. Aus Trotz und weil es halt einfach so ist, dass ich ein dicker Mann geworden bin.

geboren 1971 in Köln. Promotion in Germanistik. Lebt und arbeitet als Autorin und Journalistin (FAZ, NZZ, GEO u. a.) in Zürich. Zuletzt erschien von ihr der Erzählband „Romantiker. Geschichten von der Liebe“, Köln: DuMont, 2007.