Tagebuch vom 21.09.99 (0.40h)
Georg M. Oswald

Am Samstag mit Onkel Vinzenz (sprich: Finzenz) zum Anstich im Schottenhammelzelt. Vinzenz betreibt einen Zeitschriftenkiosk an der Tegernseer Landstraße in Giesing, ist naturgemäß 60er-Fan, wählt, seit er denken kann SPD, verehrt Edmund Stoiber wie einen Gott, säuft acht Halbe am Tag und ist beim Watten noch nie in seinem Leben besiegt worden. Den dialektischen Widerspruch zwischen seiner SPD-Wählerei und der Stoiberverehrung hebt er mit einem Achselzucken auf: „Ich wähl ja die Bundes-SPD.“
Dass Oberbürgermeister Ude (SPD) und Edmund Stoiber (CSU) den Anstich gemeinsam vornehmen, scheint ihm wie ein Vorgeschmack auf das paradiesische Glück, bei Stoibers (CSU) Lob ins Mikrofon des moderierenden Schleimlings in Modelederhosen, dass Ude (SPD) schon recht gut anstechen könne, geht Vinzenz das Herz auf. So stellt er sich den Garten Eden vor, Stoiber (CSU) und Ude (SPD) liegen sich auf einem ewigwährenden Oktoberfest in einem Biersee engumschlungen in den Armen und schreien „Ozapft is!“
In ein Wiesn-Zelt passen Zehntausende von Menschen. Vinzenz kennt sie alle, er grüsst jeden. Im Nu geht ein Watt zusammen. Ich muss mitspielen, und obwohl ich viel bei ihm gelernt habe, verliere ich innerhalb von zwanzig Minuten fünfzig Mark. Ich will aufhören. Vinzenz knallt einen Hunderter auf den Tisch und befiehlt: weiterspielen.
Drei Stunden später ist Vinzenz komplett besoffen, und ich habe den Auftrag ihn nachhause zu bringen. Das tue ich. Er weint vor Glück und jammert, „wenn nur der Stoiber und der Ude in einer Partei wären“. Ja, ja. Noch als er auf dem Bett liegt und ich ihm die Schuhe ausziehe, winselt er dieses Zeug von Stoiber und Ude in einer Partei. Dann ein kurzes Aufbäumen, er grölt: „Achtundfuchzig, neunundfuchzig, SECHZIG“ – dann schläft er endlich ein. Was für ein Anstich.

lebt als Schriftsteller und Rechtsanwalt in München. Romane „Lichtenbergs Fall“ (1997), „Alles was zählt“ (2000), „Im Himmel“ (2003), „Vom Geist der Gesetze“ (2007). Erzählungen: „Das Loch“ (1995), „Party Boy“ (1998).