Sieben Erinnerungen an meinen ehemaligen Schwager
Tilman Rammstedt

1.
Mein ehemaliger Schwager hat mich damals nicht mit verlassen. Dass wir doch trotz allem noch hin und wieder ein Bier zusammen trinken könnten, hat er gesagt, auch wenn wir zuvor noch nie ein Bier zusammen trinken waren. „Familie ist schließlich Familie“, sagte er, und er sagte es so, als ob er da leider auch nichts gegen machen könne.

2.
Mein ehemaliger Schwager trinkt immer vier Bier, ich immer zwei. Wir benötigen dafür exakt die gleiche Zeit. Nach dem dritten streicht er sich lange übers Kinn, murmelt dann „Na, noch ein Kleines“, und wenn das Glas dann vor ihm steht, tut er ganz überrascht: „Huch, jetzt hat sie mir doch ein Großes gebracht.“ „Du schaffst das schon“, sage ich dann, und mein ehemaliger Schwager nickt ernst, mehrere Male und blickt sein Bier an, als wäre es ein Gipfel, den man erst lediglich erahnen kann, und wenn er das Glas dann zum Mund führt, hat es tatsächlich die Ausmaße eines Kilimandscharos, eines Mount Everest, es wehen eisige Winde, die Luft wird dünn, und ich bin der Träger, der beim letzten Lager auf ihn wartet. In Decken gehüllt, die auch schon bessere Tage gesehen haben.

3.
Mein ehemaliger Schwager kann sich nie entscheiden, ob er mir zur Begrüßung die Hand geben oder mich umarmen will. Deshalb macht er immer beides gleichzeitig, was etwas ungelenk aussieht und außerdem keine sehr stabile Haltung ist. Einmal sind wir deshalb auch umgefallen, ich konnte mich zum Glück gerade noch an einem Stuhl festhalten, mein ehemaliger Schwager landete jedoch auf dem Boden, riss dabei auch sein Bierglas mit, das er zwar im Fallen noch kurzzeitig fing, aber halt nur kurzzeitig. „Muss das sein?“, fragte die Kellnerin, als sie die Scherben aufsammelte. „Ja, das muss sein“, antwortete mein ehemaliger Schwager. „Das muss leider sein.“ Und um seinen Punkt zu unterstreichen, warf er sich an diesem Abend noch mehrmals zu Boden, auch wenn „Werfen“ den Vorgang nicht gut beschreibt, er glitt vielmehr langsam und vorsichtig von seinem Stuhl hinab, untermalte das durch ein lautes „O nein, ich falle“, und dann wälzte er sich immer noch eine Weile auf dem Linoleumboden herum. Ich beschäftigte mich in der Zwischenzeit mit dem Salzstreuer.

4.
Mein ehemaliger Schwager kann sich nie meinen Namen merken. Er nennt mich Daniel. Ich heiße nicht Daniel. Nicht mal im Entferntesten. „Weißt du, Daniel, wir kennen uns ja jetzt schon fast fünf Jahre“, fängt er manchmal seine Sätze an, und ich frage mich, ob das stimmt.

5.
Mein ehemaliger Schwager wird manchmal philosophisch. „Vielleicht ist auch alles ganz anders“, sagt er und schaut in die Ferne auf einen Fleck, den anscheinend nur er sehen kann. Dann zuckt er kurz mit den Schultern und sagt: „Wahrscheinlich aber nicht.“ Und ich ärgere mich darüber, dass mich das beruhigt.

6.
Mein ehemaliger Schwager entwickelt hin und wieder väterliche Gefühle für mich. Er bringt mir alte Pullover von sich mit, „Hier, der wäre doch vielleicht was für dich“. Manchmal auch Reste seines Abendbrots, Fleisch und Beilagen in getrennten Tupperware-Schalen, „Einfach zwei Minuten in die Mikrowelle.“ Wenn ich mich dann bedanke und sage, dass ich eigentlich schon gegessen habe, schaut er mich etwas verletzt an. „Und Geld? Brauchst du vielleicht Geld?“, fragt er dann schnell und zückt sein Portemonnaie. „Momentan nicht“, sage ich. Manchmal finde ich dann aber doch beim Nachhausekommen einen Schein in meiner Jackentasche, den er mir bei der Verabschiedung irgendwie zugesteckt haben muss. Meist ist es ein Zehner.

7.
„Man müsste mal wieder hoch an die Ostsee“, sagt mein ehemaliger Schwager. Fast versonnen sagt er das, und wenn man genau hinsieht, erkennt man den Anflug eines Lächelns. „Ander-erseits“, sagt er dann, und dabei erstirbt das Lächeln wieder, „könnte die ja auch mal den ersten Schritt machen.“ „Ist doch wahr“, sagt er dann noch etwas später.

geboren 1975, lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Der Kaiser von China“ (2008). Er trinkt äußerst selten Bier.