Hinterm Tresen
Manuela Reichart

Sie stand hinter dem Tresen, obwohl sie sich als Bedienung beworben hatte, aber da war nichts zu machen, Irene brauchte jemanden am Zapfhahn. „Hast du das denn schon mal gemacht?“ „Klar.“ Das war zwar gelogen, aber sie brauchte den Job und so schwer konnte es ja nicht sein. Tausendmal hatte sie auch schon zugeschaut, wie Kai konzentriert das Glas schräg hielt und den Zapfhahn bediente: „Nicht zu schnell, Mädchen, das ist das ganze Geheimnis. Der Biertrinker ist ein Mann mit Geduld“. „Was heißt hier Mann? Für die Biertrinkerin machst Du dann schneller oder wie?“ „Leg meine Worte nicht auf die Goldwaage, d e r Biertrinker ist ein übergeschlecht-liches Wesen, verstehst Du? In dem Augenblick, wo er seine Lippen ans Glas legt, und ich sage absichtlich legt, für den Augenblick, wo er das kühle Glas mit den warmen Lippen berührt, verliert er den Sexus, wird geradezu eins mit dem Getränk, all seine Sehnsucht verschmilzt mit ihm, deswegen brauchst Du mir hier nicht mit feministischer Gegenrede zu kommen, Mädchen.“ Kai war ein passionierter Kneipenmann, er konnte schnell wie kein anderer langsame Biere zapfen. Nichts brachte ihn dabei aus der Ruhe, egal wie viele Leute sich drängten und ihm Bestellungen zuriefen. Sie war froh, dass sie mit ihm ihre erste Schicht hatte, denn natürlich waren die Biere anfangs schief gegangen, zu viel Schaum, zu wenig Schaum, zu schnell, zu langsam. Der mitleidige Blick des Anzugträgers, der an der Bar saß, machte sie rasend. Hatte der nichts anders zum Hingucken? Überhaupt wirkte er deplaciert mit Anzug und Krawatte in Irenes Kneipe. Sie hätte üben müssen, vorher, aber wo kann man üben, wie man Bier zapft? Kai hatte die Stirn gerunzelt und gemurmelt „Erfahrung haste, ja? Wo hast du denn die gemacht, bestimmt nicht auf dem Oktoberfest“, aber dann war er trotz der penetrant läutenden Küchenglocke hinter den Tresen gekommen, hatte den Salat, auf den die Brillenträgerin an Tisch fünf wartete, Salat sein lassen, ihr das Glas abgenommen und gezeigt, wie sie das Glas halten musste „Neben der Geduld ist der Winkel am allerwichtigsten. Und jetzt Du. Dass mir keine Klagen kommen.“ Das war vor vier Stunden gewesen, und inzwischen ging ihr die Biersache schon ziemlich gut von der Hand. Nur der Anzugträger saß immer noch da und schaute ihr auf die Hände. Trank ein Bier nach dem anderen. „Wie viel kann so einer vertragen?“ Kai hatte die Stirn gerunzelt und gemeint, hier ginge es wohl weniger um Bier und der sähe nicht so aus, als verliere er den Sexus beim Schlucken. Ob ihr aufgefallen sei, dass der Junge nicht die Augen beim ersten Schluck schlösse? „Der trinkt all die Biere, weil Du sie zapfst, Mädchen.“ Beim nächsten Bier schenkte sie ihm einen tiefen Blick über den Glasrand. „Weißt Du, ich bin zwar die geborene Zapferin, wie Du wahrscheinlich schon gemerkt hast, sozusagen eine Naturbegabung, und ich liebe den Biertrinker an sich, nicht nur, weil er mir den Job hier und meiner Chefin den Umsatz garantiert, aber“ – an dieser Stelle machte sie den nächsten Strich auf seinen Bierdeckel, der mit Strichen schon reichlich gefüllt war – „Kai meint zwar das Bier sei sozusagen das buddhistische Getränk schlechthin, mache aus sexualhormongesteuerten Männern, die sagen wir mal nicht die nach-denklichsten sind, weswegen sie bekanntlich besser sehen als denken, wenn eine Frau mit großem Busen in ihr Blickfeld gerät, womit ich nicht gesagt haben will, dass Du meine Hände nicht vor allen anderen Körperteilen attraktiv findest, aber – um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen – es ist alles eine Frage des Maßes, wie man bei Thomas Mann lernen kann, einem Schriftsteller, den ich – nebenbei gesagt – besonders schätze. Was ich Dir damit sagen möchte, falls Du mich fragen willst, ob ich mit Dir nach Lokalschluss ein Bier trinken gehen will, dann solltest Du Dir diese Frage sparen. Übermorgen habe ich wieder Dienst am Hahn, heute bist Du für eine Bierzapfende, aber nicht trinkende Frau mit klarem Verstand und Phantasie nicht akzeptabel. Vielleicht reduziert Du das Maß, und dann sehen wir weiter.“
An dieser Stelle hatte der Anzugträger das Glas gehoben, in ihre Richtung den Kopf gebeugt und dann die Augen geschlossen, bevor er den ersten Schluck nahm. „Kann ich noch eins haben?“
„Ja, klar.“

lebt als freie Autorin und Literaturkritikerin in Berlin, Rundfunkmoderatorin, Fernseh- und Hörfunkfeatures.