Der Tscheche von Eisenhüttenstadt
Jaroslav Rudiš

Es war schon Nachmittag. Ein langer Nachmittag in Eisenhüttenstadt im späten August. Ich stand am Stand. Das Prager Bier: Mit Lust und Liebe gebraut. Bierwerbung. Bierverkostung. Vor mir ein Getränkemarkt. Ein leerer Parkplatz. Die Sonne angestochen in den hohen Kiefern. Eine alte Fabrik. Weit in der Ferne die Oder. Vielleicht. Und dann dieser Mann. Mitte vierzig. Ein schmales Gesicht mit einer Narbe auf der Stirn. Ein Bierbauch. Eine viel zu kurze und zu enge und zu altmodische Hose.
„Ein Tscheche!“
„Ja,“ lächelte ich verlegen.
„Nicht schlecht.“
„Tja.“
„Ich bin auch Tscheche. Der einzige Tscheche von Eisenhüttenstadt. Du bist der zweite. Keinen anderen hab ich hier nie gesehen. Nie!“
„Freut mich.“
„Mit Lust und Liebe gebraut?“
„Und schmeckt auch gut. Also, das Bier.“
„Ist schon klar, meinst du, ich bin..., ich will dich anmachen?“
„Nein.“
„Ich nehme einen Kasten. Oder gleich zwei.“
„Dazu ein Glas und ein MiniLKW von uns. Als Geschenk.“
„Toll.“
„Und einen Flaschenöffner. Als Geschenk.“ „Brauch ich alles nicht. Geschenke sind für Kinder.“
Der Mann hatte seine Plastiktüte auf den Boden gelegt. Aus dem Kasten hatte er eine Flasche genommen. Statt Flaschenöffner hatte er sein gelbes Feuerzeug benutzt. Zack.
„Das habe ich im Walzwerk gelernt. Blech, Eisen, Bier. Das war eine Symphonie!“
Die Hälfte der Flasche veschwand schnell in der Tiefe seines Körpers.
„Dieses Bier hat mich hierher gebracht.“
„Verstehe.“
„Das kann man nicht verstehen. Das muss man erleben. Ein Bier. Eine Nacht. Und schon bist du in Eisenhüttenstadt. Und du, wie bist du hierher gekommen?“
„Nach dem Plan von meinem Chef. Gestern Frankfurt Oder, heute Eisenhüttenstadt, morgen Görlitz. Und... Sie... Wie sind Sie..?“
„Gestern Eisenhüttenstadt, heute Eisenhüttenstadt, morgen Eisenhüttenstadt. Und übermorgen auch. Wo bist du übermorgen?“
„In Prag zurück. Ist nur ein Ferienjob, drei Tage, drei ostdeutsche Städte.“
„Ich wollte auch immer reisen.“
Die zweite Hälfte der Flasche verschwand in ihm.
„Es geht verdammt schnell. Bist du verheiratet?“
„Nicht ganz.“
„Eine Freundin?“
„Nicht ganz.“
„Wie nicht ganz?“
„Es ist vorbei. Im Moment.“
„Glück gehabt.“
„Ich weiss nicht... Und Sie?“
„Drei Frauen.“
„Ach so.“
„Karin. Katrin. Karolin. Karin ist meine Ehefrau. Also Ex. Katrin und Karolin sind meine Töchter. Alles Geschenke aus dieser Nacht in Brünn. Warst du mal in Brünn?“
„Einmal. Eine Durchreise nach Bratislava.“
„Glück gehabt. In Tschechien gibt es ein gutes Theater, ein schlechtes Theater und ein Theater aus Brünn. Und das gilt auch für die Frauen.“
„Aber Karin, Katrin, Karolin... das klingt eher Deutsch.“
„Ja. Aber wir haben uns mit Karin in Brünn getroffen, auf einem Campingplatz. So ein Zufall. Tischtennis gespielt. Sehr lange. Und nach dem Spiel das Bier. Nach fünf Monaten ein Brief über Katrin und Karolin. Und das Spiel war aus für mich. So bin ich hier. Musste alles lernen. Alles. Deutsch zum Beispiel. Ernst sein. Nicht lachen, wenn die Deutschen nicht lachen. Und Schnitzel mit Kraut fressen. War alles nicht einfach mit Karin. Und dann noch in der Fabrik. Walzwerk. Aber jetzt habe ich meine Ruhe, die Fabrik ist pleite gegangen.“
„Verstehe. Und wie alt sind ihre Töchter?“
„Zehneinhalb... Mann, ich wollte immer reisen. Wie du. Reisen und Theater spielen. Wie du.“
„Ich spiele kein Theater.“
„Und was ist dein Job denn anderes? Mit Lust und Liebe gebraut.
Dieses Bier ist ja ein ganz normales... Bier. Wenn du es verkaufen willst, musst du auch Theater spielen.“
„Sie haben recht.“ „Mann, aber ich habe Talent. Ich habe beim Theater gejobbt. Drei Jahre als Bühnentechniker in Prag. Und einmal habe ich auch eine Rolle bekommen, in einem richtig guten und langen Stück. Im Feuerwehrball nach dem Film von Miloš Forman.“
„Und wen haben Sie gespielt?“
„Den Feuerwehrmann. Also, den zweiten in den dritten Reihe. Aber ich hab so ein eigenes Stück im Kopf. Schon lange.“
„Klar.“
„Aber versuch es mit Theater in Eisenhüttenstadt. Noch schlimmer als in Brünn. Nur Platten, Kiefern und Hütten. Kein Raum für Kunst.“
„Tja. Schwer.“
„Du meinst, ich spinne, oder.“
„Nein.“
„Ich sehe es.“
„Wirklich nicht.“
„Sag mir einfach, du spinnst. Sei ehrlich.“
„Sie spinnen.“
„Karin meint es auch. Deshalb sind wir nicht mehr zusammen.“
„Worum geht es in diesem Stück?“
„Um diese Nacht in Brünn.“
Der Mann stellte an die kleine Theke zwei volle Bierflaschen.
„Um mich und Karin.“ Er zeigte auf die Flaschen. Dann nahm er das Feuerzeug, öffnete eine und trank sie aus. Dann machte er die zweite auf. Das Bier verschwand schnell. „Und darum, was davon geblieben ist.“
„Katrin und Karolin.“
„Genau. Klug bist du,“ sagte er und zeigte auf seine zwei Bierkästen. „Katrin und Karolin.“ „Aber Karin will, dass ich sie nur alle zwei Wochen treffe. Ich wohne ja gegenüber. Und sehe sie jeden Tag. Ansprechen darf ich sie aber nicht. Ein schlechter Einfluss, sagt Karin. Und ruft gleich die Bullen.“
„Verstehe.“
„Das kann man nicht verstehen. Das muss man erleben. So ist die Liebe in Eisenhüttenstadt...
Kann ich den LKW doch haben?“
„Klar.“
„Karolin will LKW-Fahrer werden. Sie will reisen. Wie ich.“
„Und Katrin?“
„Schauspielerin. Das ist doch klar, alles. Wie gesagt, beide Töchter mit Lust und Liebe gebraut.
Also, viel Spass noch hier. Und bis bald wieder.“
„Ich komme nie wieder.“
„Doch, du kommst.“
Der Mann bezahlte, nahm den LKW und seine zwei Kästen Bier. Sein Auto verschwand langsam hinter den langen schlanken Kiefern. Ein blauer Škoda

geboren 1972 in Turnov, Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor. Für sein Erstlingswerk „Der Himmel unter Berlin“ (2002, auf Deutsch 2004) hat er den Jirí Orten Preis erhalten. 2008 erschien auf Deutsch sein zweiter Roman „Grand Hotel“. Jaroslav Rudiš lebt in Prag.