Als ich die Quallen am Spülsaum sah, wusste ich, dass der Sommer bald vorbei sein würde und es wieder nicht der Sommer gewesen war, auf den ich gewartet hatte. Neben mir saßen Benni und Frank im Sand und stießen ihre stuckigen Flaschen aneinander. In der Ferne war meine Schwester zu erkennen, ein blonder Punkt im Meer.
Ich meine diesen einen Sommer mit betontem Artikel, diesen einen Sommer, der alles änderte und nach dem nichts mehr war wie zuvor, wie es auf den Klappentexten von all diesen Jugend-büchern hieß, deren Geschichten ausnahmslos im Sommer spielten. Merkwürdigerweise war die lebensverändernde Wirkung nur dieser Jahreszeit vorbehalten. Jedenfalls war mir bei all meinen Besuchen im Erdgeschoss der Stadtbibliothek kein Buch begegnet, das beispielsweise von dem ganz besonderen Winter handelte. Ich glaubte an diesen Sommer, weil ich diesen Büchern glaubte, ebenso wie ich im Kino nicht verstehen wollte, dass da nicht wirklich jemand starb, wie mir meine Schwester jedesmal versicherte, wenn ich mich schluchzend an ihre Schulter lehnte. Sie hatte ihren Sommer im letzten Jahr gehabt, obwohl sie jünger war als ich. Es war der Sommer, in dem sie angefangen hatte, Bier zu trinken, Zigaretten zu rauchen und sich von den Jungs nicht mehr mit Quallen bewerfen zu lassen. Stattdessen passten sie mit mir auf ihre Sachen auf, wenn sie schwimmen ging.
Meine Schwester jubelte uns von einer Sandbank zu. „Kommt! Hier hinten sind keine!“, schrie sie und tauchte wieder ab. Ich schüttelte den Kopf. Ich ging grundsätzlich nicht mehr baden, sobald die erste Qualle am Ufer lag.
Benni zog sein Shirt aus und stakste ins Wasser. Frank schob mit seinen Füßen ein gestrandetes Exemplar hin und her. Sein großer Zeh drückte in das glasige Tier.
Ich nahm Bennis leere Flasche und starrte auf das blauweiße Etikett. Auf einer gekrümmten Kogge fuhr ein roter Turm übers Meer. Aus dem Turm ragten zwei Löwen mit hängenden Zungen.
Ich strich über die erhabenen Buchstaben am unteren Flaschenhals, als mich Frank fragte: „Hast Du eigentlich einen Freund?“
Plötzlich fühlte ich mich wie eines der Tiere auf dem Etikett, die gleich aus dem Turm fallen. Ich fingerte wie verrückt an dem Porzellanverschluss herum, der von dem gleichen blässlichen Blau war wie das Zwiebelmustergeschirr, das meine Schwester und ich mal erben sollten. Ich wollte, dass es „plopp“ macht und der Verschluss für mich antwortet.
„Das ploppt nur beim ersten Mal“, sagte Frank ruhig.
„Mhm“, meinte ich und griff schnell nach einer neuen Flasche. Als ich die Bügel wegdrückte, machte es das ersehnte Geräusch. Einen kurzen Augenblick lang stieg Rauch aus der Öffnung. Ich dachte an Frau Hansen, die Bibliothekarin, die mich irgendwann im Frühling gefragt hatte, ob ich nicht schon zu alt für die Kinder- und Jugendbuchabteilung sei. Wie zum Beweis hatte sie an mir herabgeschaut und ihren Blick einen Moment auf meinen Brüsten ruhen lassen, die ihr bestätigten, dass ich nicht mehr dorthin gehörte. Sie konnte ja nicht wissen, dass mir für die Belletristik, wie die Erwachsenabteilung eine Etage höher hieß, der eine Sommer fehlte.
„Also, was is nu?“, fragte Frank.
„Nichts. – Gar nichts“, sagte ich und nahm einen Schluck.
Die Quallen
Judith Schalansky
1980 in Greifswald geboren, lebt in Berlin; Autorin und Gestalterin, Veröffentlichungen: „Fraktur mon Amour“ (2006), „Blau steht dir nicht. Matrosenroman“ (2008), „Atlas der abgelegenen Inseln“ (2009).

