Panschen
Jana Scheerer

Sommer. Der Biergarten eines Ausflugslokals an einem See am Rande Berlins. Mein Freund Paul möchte, dass ich seine Mutter kennen lerne. Sie ist extra aus Kassel zu Besuch gekommen.
KELLNER Wat darfs denn sein?
PAULS MUTTER Eine Zitronenlimonade.
PAUL Ein Bier.
ICH Ein Becks Ice.
KELLNER Also een Bier und zwee Limo!
ICH Nein, zwei Bier und eine Limo!
KELLNER (schreit): Wollnse mir beleidigen? Mein Großvata war Bierkutscher bein Kaiser und Sie wolln ma erzähln det dit Zuckerwasser Bier is?
ICH Nein, nein, ich wollte Sie nicht beleidigen, ich…ich wollte einfach nur ein Becks Ice! KELLNER (geht): Sa ick doch! Een Bier und zwee Limo!
PAULS MUTTER schaut leicht erschrocken
PAUL (zischt): Kannst du den nicht einfach reden lassen?!
PAUL (lächelt seiner Mutter zu): Ja, das ist der Berliner Humor, weißt du?
PAULS MUTTER nickt
KELLNER (kommt zurück und stellt jeweils ein Glas vor Paul und seine Mutter und eine Flasche vor mich): Bier für den Herrn und für de Damen…
ICH (zähneknirschend): …Limo. Danke. Wir trinken und schweigen. Als mein Bier leer ist, winke ich dem Kellner. Paul schaut mich bittend an. Ich schüttele den Kopf.
ICH Ich würde gerne noch ein BIER bestellen, und zwar ein Schöfferhofer Grapefruit.
KELLNER (seufzt überlaut): Noch 'ne Limo. Er geht, kommt mit dem Bier zurück und knallt die Flasche vor mich auf den Tisch. Ich trinke. Nach einer Weile kommt der Kellner wieder.
KELLNER (fegt beiläufig mit der Serviette ein paar Krümel vom Tischtuch): Früher wärn die für son Bier in‘ ihrn eijenen Bierfass ertränkt worn. DIE wussten noch wat man mit Panscher macht!
PAULS MUTTER Ah ja, sehr interessant!
Der Kellner geht. Ich schweige und trinke. Dann winke ich ihm. Paul schaut mich besorgt an.
ICH (schaue in die Karte): Ich habe heute so einen BIERdurst! Bringen Sie mir doch bitte noch ein Becks Green Lemon, ein Bit Passion, ein Becks Chilled Orange, ein Jever Lime, ein Becks Level 7 und ein Bit Copa!
KELLNER (nickt kurz): Noch 6 Limos für de Dame!
ICH (werfe wild mit Bierdeckeln um mich): NEIN! DAS IST BIER! MIR REICHTS!
PAULS MUTTER schaut mir interessiert zu
PAUL kriecht unter den Tisch und hebt die Bierdeckel auf.
KELLNER (geht): Dit sinde Nerven.
PAULS MUTTER nickt verstehend
PAUL (kommt unter dem Tisch hervor und zischt): Bitte reiß dich doch zusammen!
ICH schnaufe
KELLNER (stellt 6 bunte Flaschen vor mich auf den Tisch): Oda, noch bessa für de Panscher: Dit janze widerliche Zeug selba trinken! Da könntense mal sehen, watse fabrechen!
PAULS MUTTER lacht nervös
ICH (lahm): Das ist nicht widerlich!
KELLNER (mit düsterer Stimme): Jawoll! Da is Pech und Ochsenjalle drin!
ICH (greife mir eine Flasche): Hier ist kein Pech und Ochsenjalle drin! Nur… (schaue auf das Etikett) …Wasser, Glukose-Fruktose-Sirup, Zucker, Kohlensäure, Säuerungsmittel Zitronen-säure, natürliches Aroma, Säureregulator…äh…Trinatriumcitrat, Antioxidationsmittel Ascorbin-säure, Farbstoffe Kupferkomplexe der Chlor- was? Äh, der Chlorophylle und Chinolingelb.
KELLNER lächelt zufrieden.
ICH Ich LIEBE Antioxidationsmittel.
KELLNER (lächelt noch zufriedener): Bekommt ihn'n aba nich. Sie sin janz schön unausje-glichen. Dit kommt von die janze Schemie da drin!
PAULS MUTTER nickt zustimmend
ICH tobe innerlich, habe aber keine Bierdeckel mehr zum Werfen
KELLNER Sacht Ihn’ Bierbeschau mitm Hosenboden wat?
ICH schweige und trinke abwechselnd aus meinen 6 Bierflaschen
PAULS MUTTER Nein, worum handelt es sich denn dabei?
KELLNER (zeigt auf seinen Hintern): Damit hamse früher jeprüft, ob im Bier och jenuch Malz drin is. Dit Bier wurde uff ne Bank jeschüttet (zeigt auf die Bank), die Tester ham sich in Lederhosen druff jesetzt (geht leicht in die Hocke) und sind zwee Stunden sitzen jeblieben. Denn sind se alle gleichzeitig uffjesprungen (springt auf) und wenn die Bank (zeigt auf die Bank) mit hoch jegangen ist, war jenuch Malz in dit Bier.
PAULS MUTTER Ah ja, sehr interessant!
ICH (trinke): Hmhm.
KELLNER (haut mir auf die Schulter): So könnwa doch och jut testen wie viel Zucker in deine Limo is! Uffn Stuhl kippen, du setzt dich druff und wennde nach zwee Stunden kleben bleibst, is zu viel Zucker drinne!
PAULS MUTTER lacht
ICH (trinke) lache gequält
KELLNER (geht): Na ja nix für Unjut, wa?
PAULS MUTTER (steht auf und geht): Bin gleich wieder da.
PAUL Jetzt reiß dich zusammen! Am besten ist, wir zahlen und gehen!
Er sieht sich nach dem Kellner um.
Ich kippe in einem jähen Entschluss mein restliches Bier auf den Platz neben mir. Dann winke ich dem Kellner.
KELLNER Wat denn?
ICH (lächele): Setzen Sie sich doch ein bisschen zu mir und erzählen Sie mir noch was von Ihrem Großvater!
KELLNER Also hörnse ma ick arbeite hier! Ick bin nich für Sie ihr Privatvergnügen hier! Und wat jeht Sie überhaupt mein Opa an?
PAULS MUTTER kommt wieder und setzt sich neben mich.
PAULS MUTTER (schaut überrascht und rutscht mit dem Hintern hin und her): Huch?
ICH (winke dem Kellner): Zahlen!

1978 in Bochum geboren, lebt 900 Meter von der Bar am Lützowplatz entfernt in Berlin-Schöneberg. „Mein Vater, sein Schwein und ich“ (Schöffling&Co 2004), Beiträge in Zeitschriften und Anthologien. „Mein innerer Elvis“ erscheint 2010 bei Schöffling&Co.