Expedition in ein fremdes Land
Jens Sparschuh

„Als Getränk dient ihnen ein Saft, der unter Verwendung von Gerste oder Weizen bereitet und ähnlich wie Wein vergoren ist“, berichtete weiland ein italienischer Tourist über unsere Gegend nördlich der Alpen, die er nie persönlich bereist hat; offenbar aber muß er über exzellente Informanten (Kaufleute, Offiziere) verfügt haben. Als Vertreter der Feinschmeckerliga bemängelte er in seiner Ferndiagnose zwar die einfallslose Zubereitung unserer Speisen, andererseits wußte er das liebevolle, ja: obsessive Verhältnis zu unserm Stammesgetränk durchaus zu würdigen: „Wenn man ihrer Trinklust dadurch Vorschub leistet, daß man ihnen so viel zuführt, wie sie trinken wollen, wird man sie ebensoleicht durch ihre eigenen Laster wie durch Waffengewalt bezwingen können.“ Im Jahre 98 u. Z. erschien in Rom erstmals Tacitus’ bekannter Reiseführer „Germania“.
Etwas später, im Jahre 1965 (ebenfalls u. Z.), liege ich – mein elfjähriges Alter ego – auf einem Campingbett in einer Holzhütte unserer DDR-Laubenpieperkolonie (Sie verwenden roh behaue-nes Bauholz, Tacitus XVI). Ein bunt gemischter germanischer Männerchor singt tapfer gegen die hereinbrechende Nacht an (Alle haben trotzige, blaue Augen, rotblondes Haar und hühnenhafte Leiber, Tacitus IV). Ein paar Frauen sind auch mit von der schunkelnden Partie, sie geben sich durch schrille Schreie zu erkennen. Mit geschlossenen Augen sehe ich ihre an Hintern und Knien bedenklich ausgebeulten Trainingsanzüge (Die Frauen kleiden sich nicht anders als die Männer, Tacitus, XVII). Zum Finale, unter dem erbleichenden Mond, stimmen sie dann gemeinsam einen ihrer uralten nordischen Kampfgesänge an: „Es gibt kein Bier auf Hawaii / es gibt kein Bier / drum fahr’n wir nicht nach Hawaii / drum bleib’n wir hier.“
Ich wußte damals noch wenig von Sozialismus und Stacheldraht. Zumindest vorläufig schien mir dies also eine plausible Erklärung für die Seßhaftigkeit meiner Landsleute zu sein. Die Sterne am grenzenlos weiten Nachthimmel blinkerten mir verführerisch zu. Ich ahnte noch nicht, daß ich tatsächlich einmal, ohne dabei allerdings an Bier oder Nicht-Bier zu denken, nach Hawaii fahren sollte.
Lange vorher schon war das Bier in mein jugendliches Leben getreten: Zuerst in der „Kavalierk-lause“, unvergeßlich, für 49 Pfennige das Glas – nach einem heißen Augusttag im Freibad Pankow. Jahre später beschäftigten mich intensiv zwei klassische Biertrinker unserer Geistes-geschichte: Hegel und Jean Paul. (Auf wessen Werk von den beiden der Biergenuß den größeren Einfluß hatte, vermag ich bis heute nicht zu entscheiden.)
Während eines Intermezzos als Berufstätiger vernahm ich zum ersten Mal das unter Männern als Ausdruck höchster Vertraulichkeit geltende „Wir sollten mal ein Bier miteinander trinken gehen“; es kam mir bedrohlich vor (richtig: Ich sollte da nämlich überredet werden, Ver-trauensmann der Gewerkschaftsgruppe zu werden!); ohnehin aber war ich damals aus Gründen der Distinktion („Wat-is’n-det-nu-schon-wieda?“) auf Wein umgestiegen. Eine vernünftige Entscheidung, wie ich spätestens 1990 merkte, als ich auf einem weißen, prall gefüllten Männer-T-Shirt die aus der Frauenbewegung geklaute Aufschrift „Mein Bauch gehört mir“ las. – Nicht mein Bier, dachte ich vorsichtshalber.
Dann aber, Mitte der 90er, Besuch bei einem Charlottenburger Italiener (einem Landsmann des Tacitus!). Sein „offener Hauswein“ war, wie schon der Name vermuten ließ, für alles mögliche offen… Noch lange erinnerte sich mein dröhnender Kopf daran.
So bin ich dann doch wieder auf Bier umgestiegen: Jever.
Keine Kompromisse.
Bier, lieber Herr Tacitus, ist kein Getränk sondern ein Nationalheiligtum. Und das Reinheitsgebot ist ein Schwur auf die innere Verfassung des Landes – ein hohes Gut.
Nichts Schöneres als abends, unrasiert und nach nichtgetaner Arbeit – so wie der Jever-Mann aus der Fernsehwerbung sich in die Düne wirft –, rücklings, noch im Mantel, mit weit ausgebreiteten Armen im Gleitflug aufs Bett zu segeln.

geboren 1955 in Karl-Marx-Stadt, lebt in Berlin, veröffentlicht Romane, Kinderbücher und Hörspiele. Zuletzt erschienen: der Roman „Schwarze Dame“, 2007 und (gemeinsam mit Sten Nadolny) „Putz- und Flickstunde. Zwei Kalte Krieger erinnern sich“, 2009.