Flüssige Kälte
Burkhard Spinnen

Mit zwanzig war ich mir sicher, ein Biertrinker zu sein. Zufällig passte das zum Milieu und zur Gegend, in der ich aufgewachsen war. Damals galt dort Wein als Süßgetränk für ältere Damen. Bier war bei uns der Normalfall, und mir schmeckte es. Als jedoch zehn Jahre später andere Soziotope und ihre Repräsentanten einen Weintrinker aus mir machen wollten, war ich durchaus offen für ihre Versuche. Ich hing nämlich noch der Milieutheorie an und glaubte, meine Zunge ließe sich eines Besseren oder zumindest eines Anderen belehren. Wieder zehn Jahre später wusste ich, das war ein Irrtum. Heute bin ich Anhänger der Theorie von der genetischen Prädis-position und trinke wieder ausschließlich Bier. Nicht, dass der Wein mir gar nicht geschmeckt hätte. Aber jedes getrunkene Glas Wein ist ein nicht getrunkenes Glas Bier, und man lebt ja bekanntlich nicht ewig.
Andererseits ist der Glaube an genetische Prädispositionen eine Selbstbeleidigung des Verstan-des. Ich trinke also Bier, weil ein bisschen Chemie in meinem Hirn das so will? Wie erniedri-gend, so wenig über die Hintergründe einer kleinen Alltagsleidenschaft zu wissen! Wie beschämend, als Antwort auf die Fragen der Mitmenschen nach dem Grund für die eigenen Vorlieben nur von Chromosomen faseln zu können.
Lange habe ich daher nach einer knappen und schlüssigen und damit jede peinliche Geschmacks-debatte abrupt beendenden Letztbegründung für mein Biertrinken gesucht. Ich habe es mit gesundheitlichen Argumenten versucht, mit ökonomischen, mit ökologischen und natürlich mit geschmacklichen. Sie mussten ja nicht stimmen, sondern nur funktionieren. Aber es hat nichts gefruchtet, mir ist nichts eingefallen.
Bis ich vor Jahren einmal nach Hause kam und die Flasche Bier, auf die ich mich seit 300 Kilometern Autobahn wie blöde gefreut hatte, seit eben erst im Kühlschrank stand. Es fehlten ihr vielleicht drei oder vier Grad an der richtigen Temperatur. Ich trank sie trotzdem, und es war widerlich.
Seitdem weiß ich einen Grund für mein Biertrinken, der äußerst schlicht und daher schön ist. Außerdem stimmt er: Ich trinke Bier, weil es das Getränk ist, vermittels dessen ich mir am besten Kälte einverleiben kann.
Das mag klingen, als sei es gar kein spezifischer Grund; es gibt schließlich viele Kaltgetränke. Aber etliche Menschen haben mir (nach kurzem Grübeln) zugestimmt: Kaltes Wasser ist nicht „so“ kalt wie kaltes Bier, kalte Fruchtsäfte sind es nicht, von Wein oder Tee ganz zu schweigen. Nein, dem Bier ist ein besonderes Verhältnis zur Kälte eigen. Es macht aus derselben Temperatur etwas anderes als andere Getränke – eben nicht nur etwas bloß gefühlt, sondern geradezu existentiell Kälteres.
Wenn ich es recht bedenke, sind es daher auch nicht die ein, zwei Biere am Abend, auf die ich mich so freue; es ist vielmehr der erste Zug vom ersten Bier. Es ist in der Regel ein langer, ein sehr langer Zug, bestehend aus mehreren Schlucken – und er endet erst, wenn ich die Kälte im Hals und in der Brust nur noch so gerade eben ertragen kann, wenn ich beinahe schon denke: Jetzt wirst du gleich keine Luft mehr bekommen, weil dir Hals und Brust gefroren sind. Was natürlich nicht stimmt; doch das zu wissen, ändert nichts an dem Gefühl.
Und warum diese Lust an der Kälte? (Übrigens auch, wenn es draußen regnet oder schneit.) Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man Bier im Gegensatz zu allen anderen kalten Getränken nur in einigermaßen großen Schlucken trinken und dass man es gar nicht im Mund behalten darf, wenn man es wesentlich schmecken will. Vielleicht gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und sage: Bier ist gar kein Getränk mit einem spezifischen Geschmack, sondern vielmehr die Trägersubstanz eines komplexen thermodynamischen Inkorporationsprozesses. Oder so ähnlich. Ich bestehe nämlich nicht auf wissenschaftlichen Fundierungen oder Beweisen. Für mich zählt allein, dass ich jetzt einen Satz habe, der sowohl stimmt also auch funktioniert. „Du hast recht“, sagen die Leute, „nichts kann so kalt sein wie Bier.“ Und dann wissen sie auch nicht, warum das so ist und warum sie es vielleicht auch so mögen. Also diskutieren wir ein bisschen darüber. Und trinken dazu ein Bier. Zu Testzwecken. Und aus Freude daran.

geboren 1956 in Mönchengladbach; Studium der Germanistik, akademische Laufbahn bis 1995, seitdem freier Schriftsteller. Bisher 17 Bücher (auch für Kinder); zuletzt: „Müller hoch Drei“. Roman 2009.