Bier
Tim Staffel

Als Theo zwölf war, fuhr er mit seinem Vater in den Urlaub nach Tirol. In der Ferienwohnung nebenan logierte der 15-jährige Axel mit seiner Mutter, die kamen aus München. Axel lud Theo ein, ihn in München zu besuchen. Fuhr voraus, Theo sollte hinterher. Noch nie war Theo ohne Aufsichtspersonal irgendwohin gefahren. In München ging Axel mit Theo ins Kino. „Der Clou“ mit Paul Newman, aber für Theo war der Clou McDonalds. Axel führte ihn hin, Theo kannte diese Art zu speisen noch nicht und wurde überwältigt. Er probierte fünf verschiedene Burger, Pommes, Shake und Apfeltasche aus. Am nächsten Tag gab es Zwiebeleintopf bei Axels Mutter, dann sind sie zum Olympiastadion, wollten ein Spiel der Bayern gucken, weil Theo die Bayern mochte. Zu der Zeit durfte man sich dazu bekennen, zumindest als Zwölfjähriger, erst recht, wenn man in München war. Es spielten dann gar nicht die Bayern, sondern die Löwen gegen den KSC, aber das war Theo egal, weil er es toll fand, im Stadion zu sein, um Bundesligafußball zu gucken. Sie standen nahe der Löwenfankurve. Damals gab es noch Stehplätze, aber in ihrem Block standen nicht viele, das Stadion blieb halbleer. Mitte der ersten Halbzeit wurde Theo ungeheuer übel. Er sagte zu Axel, mir ist schlecht, ging ein paar Reihen weiter nach vorn, wo sich in einem Umkreis von vier Metern niemand aufhielt und lehnte sich über eine der Brüstun-gen. Dann reierte es aus ihm heraus. Die Entladung schien eine unglaubliche Erleichterung zu sein. Theo hätte nie gedacht, dass so viel in einem drin sein kann, das auf diesem Weg wieder aus einem rauskommen kann. Die McDonalds-Reste vermengten sich mit dem Zwiebeleintopf zu einer Art Wasserfall, der aus Theo herausströmte und sich ins Olympiastadion ergoss. Als es vorbei war, lehnte er noch immer über der Brüstung, weil ihm immer noch ungeheuer schlecht war. Zusätzlich peinigten ihn nun starke Schmerzen. Ein Stechen im Bauch, dessen Ausläufer bis zum Rücken zogen. Vielleicht kam dieses Stechen auch von der Leber, den Nieren oder dem Blinddarm und streute bis zur Bauchhöhle, auf jeden Fall war das Schmerzempfinden so groß, dass Theo die Tränen liefen. Axel kam, klopfte ihm auf die Schulter und erkundigte sich. Als er Theo ins Gesicht sah, wurde Axel selbst ganz blass. Theo krümmte sich, Axel stützte ihn und schleppte ihn die Treppen hoch, raus aus dem Block. Dann legte er Theo auf einer Wiese ab, neben einem Tisch mit Bierbänken, auf denen bärtige Fans saßen, mit Löwenjeanswesten über Lederjacken und Maßkrügen voll Bier in der Hand. Theo kotzte wieder, obwohl nichts mehr in ihm drin war. Der Auswurf war jetzt gelb und schleimig. Die Schmerzen wurden schlimmer. Axel beschloss, sich nach einem Notarzt umzusehen. Kaum war er weg, unterhielten Theo die Jungs von den Bänken. Ob er zu viel gesoffen habe. Gern hätte Theo geantwortet, sich ver-ständlich gemacht, aber er war zu sehr mit dem Reißen und Stechen seiner Innereien beschäftigt, konnte nur gurgelnde Geräusche von sich geben. Einer wandte ihm sein speckiges Gesicht zu und fragte, ob er KSC-Fan sei. Im Moment, da Theo ein Nein formulieren wollte, durchzuckte ihn eine erneute Schmerzwelle, so dass ihm lediglich ein Stöhnen entfuhr, dass von den Löwen als Ja gedeutet wurde. Ein Scheiß-KSC-Fan, empörten sie sich im Chor. Drei von ihnen standen auf, um Theo zu zeigen, was Löwen mit KSC-Anhängern normalerweise anstellen, nur lag Theo ja bereits am Boden. Sie umringten ihn, erhoben ihre Maßkrüge und übergossen Theo mit Bier. Ein Opfer-Ritual. Theo übergab sich. Das widerte seine Fans an; sie zogen sich zurück. Theo war eingeweicht in Bier, das ihn verklebte. Als Axel mit dem Notarzt kam, dachte Theo noch, der hält mich jetzt für eine Bierleiche, aber er war zu geschwächt, um sich zu erklären. Die Löwenwesten waren ins Stadioninnere gepilgert, es gab keinen, auf den er mit dem Finger hätte zeigen können. Mit Blaulicht und Sirene fuhren sie Theo ins Krankenhaus. Dort bereitete man alles für eine Operation vor, doch plötzlich entschied man sich anders, änderte die Diagnose und schob ihm einen Schlauch durch die Nase in den Magen. Weil auf der Inneren kein Bett frei war, parkten sie Theo in der Orthopädischen. Im Mehrbettzimmer lag einer in seinem Alter, aber ohne Beine. Ein anderer hatte den Kiefer mit Draht geflickt, musste immer eine Schere dabeihaben, mit der er den Draht notfalls durchtrennen konnte, falls er daran zu ersticken drohte. Theo stank nach Bier und später auch noch nach Urin, weil er nicht wusste, wie man eine Pinkelflasche benutzt, sie mitsamt dem metallenen Gestell zu sich ins Bett holte und dann nicht richtig traf.
Mit einem Schlauch in der Nase und einer Kanüle im Arm konnte Theo auch nicht aufstehen, um sich zu waschen, und seinem Vater, der ihn dann besuchen kam, konnte er auch nichts sagen. Der Vater hatte seinen besten Trachtenanzug angezogen. Als wäre Theo ein offizieller Anlass oder ein schönes Fest. Auch Axel besuchte Theo, erzählte ihm, das Spiel sei unentschieden ausgegan-gen, zwei zu zwei. Theo war das egal. Theo war Bayern-Fan.

1965 in Kassel geboren, lebt in Berlin; Hörspiele, Short Stories, Theaterstücke, Romane, u. a. „Terrordrom“ (1998), „Heimweh“ (2000), Rauhfaser (2002), „Mehrwert“ (2006).