Schon 1989 gab es viel Bier in Berlin und Camilo José Cela gewinnt den Nobelpreis
Beat Sterchi

Das ganze Brot wird nicht an einem Tag gebacken, nicht drüben am Alex und nicht in der Paris Bar und auch nicht in der Rosalinde und im Flamingo schon gar nicht. Nein bitte, im Zwiebel-fisch gibt es halt diese Holztische. Er sagt es zweimal: Es het halt hölzegi Tisch, weisch! Und wie sie hereinkommt, erst in einen der Spiegel guckt, dann auf den Bierdeckel unter meinem Kugelschreiber: Schreibst Du ein Gedicht über mich? Und er am dritten Herrengedeck, schreibt nix über die Borsigwerke, nix über den Brikettladen in Moabit und nix, gar nix über den Stein der Weisheit in seiner Tasche. Also wieder nur Notizen? Und das nach all dem Tequila im Café am Ufer oder warst du vielleicht wieder im Grenzgebiet oder schon wieder drüben? Sicher war ich wieder drüben. Jemand muss doch rübergehen. Ich muss doch nach drüben. Verdammt noch mal. Wer geht denn sonst nach drüben? Hier geht ja sonst kein Schwein gucken, was los ist da drüben. Aber eines sag ich dir, die haben vielleicht nicht eure Klamotten, dafür toben sie im Theater, die haben das alles bis hier und die sind längst nicht alle doof! Und jetzt belegt sie gleich den halben Zwiebelfisch mit Abschätzigkeit. Ihre Abschätzigkeit sprengt alle in Sachen Abschätzigkeit bekannten Dimensionen. Der vor Ort tintenfleckig dichtende Garcia-Marquez-Darsteller beugt sich tief über den Tisch über das Blattwerk, er will es sauber halten, schützen vor so viel Hohn und Spott, vor so viel Abschätzigkeit, er widmet es dem Che und will es bitte richtig und ehrlich und wahr, was schon fast Roman, was schon bald Chile und New York und den ganzen Savigny-platz mitsamt allen blonden Buchhändlerinnen erschüttern und bestimmt sogar nobelpreis-verdächtig wird. Ich staune über solch vehementen Ausdrucksmut: Von so hoch herunter kann man also zu Menschen sprechen? Aber der Knecht ist nicht dummdreist und doof, sondern nett und sympathisch! Du hast doch keine Ahnung: Hier die Schlauen dort die Dummen? Das kann doch nicht dein Ernst sein. Nein, bloss die noch dümmeren. Drüben, das sind die noch düm-meren. Darf ich noch eine Zigarette bitte, nur die eine, nur noch diese, nur noch diese eine, bitte, bitte? What should you change? Fragt sie gleichzeitig augenwinkend das Spiegelbild. Schon gestern ist doch ein Käfer im Salat unter einem Blatt hervor gekrochen und auch heute findest du mindestens ein Haar in der Suppe. Und bitte, die reden ja nicht. Kommt mal so ein Schreiber rüber in den Westen, da sagt doch der immer nüscht, einfach nüscht, die sitzen da in der Paris Bar und bombardierst du sie mit der geballten Wahrheit, gehen sie wieder ab, zurück durch Stollen und Schächte ins rostige Grenzgebiet. Verirrt wie verschubste, vertrottelte Buchhalter aufgelöster Firmen, die grauen Mäuse! Und noch eine Weisse. Noch ein Weissbier? Noch ein Weissbier! Noch eine Schtange, sagen wir, mr nä no ä Schtange: Nimmsch o no ä Schtange? Und in der Letzten Instanz? War denn das alles wieder nix? So viel Bier! So viel trautes Bier, wie der Keller schwitzte und alle schützte und wieder Geld gesammelt und wieder eine Runde noch eine Runde in der Letzten Instanz und diese Witze! Sieht denn keiner die Zeichen an der Wand? Ihr läuft hier so abschätzig rum und der Stein der Weisheit in der Hosentasche hilft gerade mal beim Schwarzfahren, aber nix in dieser Geschichte. Und noch ein Herrengedeck. Noch ein Pils. Noch ein Genussrülpser. Noch ein Flensburger. Nein, jetzt gehen wir noch ins Schwarze Café! Und ich dachte, du willst mich verführen. Jetzt gehen wir noch in die Aue! Komm, ab in die Aue! Erinnerst du dich nicht an das Buch von Steinbeck? Steinbeck teilt sie doch ein – die Trunkenheit in drei Phasen: Die erste Phase ist die Überschwänglichkeit, die zweite die Nachdenklichkeit und die dritte die Melancholie. Aber bitte, morgen tritt Honecker zurück und der Nobelpreis ist auch schon vergeben. Aber wir gehen jetzt noch in die Aue. Ab in die Aue. Komm, jetzt gehen wir noch in die Aue.

1949 in Bern geboren. Lebt in Bern. War 1989 DAAD-Stipendiat in Berlin.