Carla heißt sie hier.
Keto von Waberer

Bei uns, dort wo wir herkommen, hat sie eine Nummer. Sie ist eine tolle Reiseagentin und sieht wahnsinnig aus. Man möchte sie unentwegt schnirfeln, aber hier darf man das nicht. So wie sie hier aussieht, denkt man auch gar nicht ans Schnirfeln. Also ich denke sowieso nur an eins. Sie hat mich so gierig gemacht darauf, dass ich den Transport bei ihr gebucht habe. „Es ist etwas, was man sich in eine Körperöffnung gießt“, sagt Carla, „und dann ... kawumm!“ Nicht ungefähr-lich, das ist der Kick. Ich liebe Risiko. Es gibt ja welche, die kommen immer wieder hierher, um das zu erleben. Afissionados. Geben all ihre Energiepunkte aus für diesen Kick. Für mich ist es das erste Mal. Hat mich einiges gekostet. Auch der Fleischanzug war keineswegs billig. Er gefällt mir, obwohl er wirklich absurd aussieht und lächerliche Macken hat. Sei’s drum. Carla hat mir einen textilen Überzug besorgt. Vielteilig. Nicht leicht überzuziehen. Mir hätte er besser gefallen, wenn er farbiger gewesen wäre und weicher. Carla sagt, so was trägt ein Kerl auf Terra nicht. Sie dagegen, in absolutem Alarmrot, und mit so komischen und wogenden feinen Hornfäden am oberen Ende macht Eindruck. Ich bemerke das wohl.
Es ist heiß hier und obwohl meine ganze Oberfläche sich nass anfühlt, ist mein Inneres extrem trocken. „Das ist normal“, sagt Carla. „Du schwitzt und hast Durst.“ Wir stehen auf der Straße vor diesem flimmernden Schriftzeichen: BAR.
Das ist der Ort dafür, der beste Ort. Carla kennt sich aus. „Schiess ein Panorama. Los!“ sage ich.
„Zum Herzeigen später.“
Nun sind wir in einem geschlossenen Raum, vor uns eine kleine Rampe, dahinter durchsichtige Behälter in allen Farben und so ein wuseliges Kerlchen. Er fixiert Carla. Sie haben hier seltsame Sehschlitze. Ich verstehe rein gar nichts. Carla bleib absolut cool..
„Laß mich bestellen“, sagt Carla. „Zwei Bier.“
Es gibt ein langes Hin und Her. Sie haben alle möglichen verschiedenen Flaschen. „Wollen sie uns nichts geben?“, frage ich.
„Warte doch“, sagt Carla. Sie führt mir vor, wie man so was macht. Was für ein Umstand. Dann stehen zwei Gläser vor uns. Es schäumt. Es riecht wie nichts, das ich kenne.
„Na los!“, sagt Carla. Ich mache es ihr nach. Sie kippt das halbe Glas rein. Ich auch. Oh, es ist kalt und es ist köstlich. Ich muss die Sehschlitze zudrücken und mein Fleischanzug entspannt sich und prickelt angenehm.
„Na?“ Carla sprüht das weisse flockige Zeug zu mir herüber.
„Noch eins“, sage ich.
„Nicht so schnell“, sagt Carla. Aber dann stehen zwei weitere Gläser vor uns. Es hat die Farbe von, ja von was eigentlich. Vielleicht am Abend, wenn alle drei Monde… Carla lässt mich nicht denken. Sie schnurrt herunter, wie es hergestellt wird, aus hiesiger Vegetation oder so. Langer Prozess. Traditionell. Ich kann nicht richtig zuhören. Mir ist jetzt wohlig weich und ich fühle mich endlich angekommen. Der Fleischanzug frohlockt mit jeder einzelnen Zelle
Er liebt das Zeug, ich kann es spüren. Er wird leicht und golden wie ein Verpuppungskokon. Ja, Erinnerungen überschwemmen mich. Ich fliege über die Plantagen, die Vulkankegel im Licht, die marmorierten Wasserflächen. Süße Luft füllt mich aus. Ich zirpe, vibriere, pumpe Leben. Alles wird weit und klar.
„Du rülpst“, sagt Carla vorwurfsvoll. Ihre Hornbüschel hängen in ihr Glas.
„Mir geht's so gut“, flüstere ich. „Noch eins.“
„OK“, sagt sie.
„Bier her!“, schreie ich. Wir stehen da, und um uns her schwärmen die anderen, summen und meckern, zwitschern und glucksen.
„Ich muss dich jetzt schnirfeln, jetzt sofort“, sage ich.“ Hier. Los! warum nicht?“
„Nicht hier“, sagt sie. „Die Terraner halten das nicht aus.“
„Aber später“, sage ich. „Versprich mir’s.“ Für mich sieht sie plötzlich absolut paarungsbereit aus. Fleischanzug hin oder her.
„Erst wieder zu Hause“, sagt Carla. „Du ahnst nicht, was für peinliche Sachen die hier machen, wenn sie schnirfeln. Grauenhaft.“
„Noch zwei Bier für uns bitte“.

lebt in München. Trinkt Bier nur, wenn sie Außerirdische zu Besuch hat.