Ich weiß, daß es eine Zeit gegeben hat, in der Bier mir gar nicht geschmeckt hat, erinnere mich aber, daß ich eines Tages gern Bier getrunken habe und mir kein Schauer mehr über den Rücken lief, so wie zuvor, wenn ich während des Abendbrots einen Schluck aus dem Glas meiner Mutter oder dem meines Vaters genommen hatte. Ich weiß noch, wie unangenehm mir der herbe Hefegeschmack war – ein Geschmack, an den ich mich heute, weil das Bier diesen Schau-ergeschmack für mich verloren hat, nur erinnern kann. Nicht weil der Biergeschmack selbst sich verändert hätte, sondern weil mein Geschmack, mein Schmecken sich verändert hat seit der Zeit, in der ich am Glas meiner Mutter nippte oder das Bier aus dem alten, angeblich wertvollen geschliffenen Glaskrug probierte, aus dem mein Vater trank. Dieser Krug hatte einen Klappdeckel aus Zinn, den er mit dem Daumen aufstellen mußte, hatte er ihn an seinen Lippen, bedeckte dieser senkrecht stehende Deckel seine rechte Wange und sein halbes Ohr, was, denke ich heute, ausgesehen haben muß, als ob mein Vater mit seinem Bierkrug telephonierte. Ich weiß nicht mehr, wann und wie das Nicht-Schmecken sich in ein Schmecken verwandelt hat, erinnere mich aber, daß einige Jahre später weder meine Mutter noch mein Vater etwas dagegen hatten, wenn ich in einem Lokal zum Essen ein Bier bestellte. Ein Kölsch durfte ich trinken, Kölsch ist besser als Limo, besser als Zuckerwasser, meinte meine Mutter, da war die Phase des heimlichen Dosenbiertrinkens auf Klassenfahrten und die Nachmittage und Nächte mit Bier auf dem Steg am See schon fast wieder vorbei. Meine Mutter war nicht nur der Meinung, daß Bier oder auch Wasser mit einem guten Schuß Wein gesünder als Limo sei, ihr verdankte ich auch den ersten Rausch, an den ich mich erinnern kann. Ich hatte ihn am hellichten Tag in einem Café auf dem Bonner Münsterplatz, ich muß zwölf Jahre alt gewesen sein. Aus irgendeinem Grund, wahrscheinlich hatte ich das Getränk auf einem Nachbartisch verführerisch grün leuchten sehen, wollte ich, es war sehr heiß, unbedingt eine Berliner Weiße trinken. Meine Mutter, ich wunderte mich, hatte nichts dagegen. Den Pokal, den ich dann serviert bekam, leerte ich mit dem kurzen Strohhalm, der in dem Schaum steckte und immer wieder aufschwamm, das Angenehme dieses Getränks war, daß über dem bitterherben Geschmack des Bieres die schwere Süße des Waldmeis-tersirups lag. Ich saugte die Weiße auf und weg. Als meine Mutter bezahlt hatte und aufgestanden war und auch ich aufstehen sollte, weil sie weitergehen und noch irgend etwas besorgen wollte, merkte ich, daß etwas anders war. Meine Beine befanden sich auf einmal über meinem Kopf und zeigten in den Himmel, meine Füße hingen in der Luft, und ich dachte, komisch, wie kann ich mich so in der Luft halten, wieso falle ich nicht? Ich ging sehr langsam durch diesen Himmel, der sich drehte und schwankte, ich ging sehr langsam und vorsichtig, erstens wollte ich nicht aus diesem Himmel stürzen und zweitens sollte meine Mutter nicht merken, daß ich, ich wußte nun, daß es das war, betrunken war.
Schmecken
David Wagner
geboren 1971, lebt in Berlin und trinkt selten Bier.Bisher sind erschienen: „Meine nachtblaue Hose“, Roman (2000), „Was alles fehlt“, Erzählungen (2002), zuletzt der Prosaband „Spricht das Kind“ (2009). Im Herbst 2009 erscheint der Roman „Vier Äpfel“ im Rowohlt Verlag.

