Fragebogen für Genussmenschen
Gernot Wolfram

In welchen Situationen langweilen Sie Gespräche über das Essen und Trinken?

Wie oft sehnen Sie sich in einer fremden Stadt nach einem einfachen sättigenden Essen aus der Gegend, in der Sie geboren wurden?

In einer heißen Sommernacht erwachen Sie plötzlich aus unruhigem Schlaf, die Kehle ist trocken, die Zunge liegt schwer im Mund. Sie begreifen plötzlich, wie lange Sie keinen richtigen Durst mehr verspürt haben. Welches Getränk, außer köstlich reinem Wasser, könnte noch Ihren Durst stillen?

Es ist Spätherbst geworden. Sie betreten eine Straße, in der Sie lange nicht mehr waren. Dort, hinter einer schmalen Zufahrt, liegt das ehemals schmuddelige Restaurant, in dem Sie vor Jahren ein kleines Büchlein des Philosophen Wittgenstein gelesen haben, erst irritiert, dann begeistert. Nun sehen Sie, dass die alten Bäume im Hof gefällt worden sind. Eine fremde Aufschrift leuchtet auf der Fensterscheibe des sehr hellen, sehr gut ausgeleuchteten Restaurants. Die Kellner an der Bar sind mindestens zehn Jahre jünger als Sie selbst. Folgen Sie dem Impuls, dennoch das Lokal zu betreten, oder gehen Sie einfach weiter, als ob das alles mit Wittgenstein nichts mehr zu tun hätte?

Würden Sie einen Fisch essen, den man auf der Speisekarte mit einem Fluss in Verbindung bringt, auf dem Sie vor kurzem merkwürdige weiße Schauminseln beobachtet haben?

Welche Formulierungen, die bemüht den Genuss des Trinkens zu umschreiben versuchen, finden Sie am lächerlichsten: An der Flüssigkeit nesteln, den Kopf unter den krähenden Zapfhahn legen, unter der Schaumkrone wandeln, im hellen Licht der Gärung gehen, den Malzpfad hinunter schreiten, im Hochprozentigen schnorcheln…?

Sie bestellen einfach so aus Lust am Banalen in einer kleinen Bar in einem fremden Land, das noch vor einigen Jahren als unterentwickelt galt, ein mit Limonade vermischtes Bier. Der Kellner fragt auf Englisch nach, ob Sie das ernst meinen, runzelt die Stirn und bringt Ihnen dann gesondert eine Flasche Bier und eine Flasche Limonade, die er wie einen Protest vor Sie hinstellt. Nötigt Ihnen dieses Verhalten Respekt ab oder fühlen Sie sich in Geschmacksdingen belehrt? Ein sehr guter, eigentlich sanftmütiger Freund eröffnet Ihnen, dass er vor Jahren einmal aus Eifersucht im Alkoholrausch eine Frau geschlagen hat – berührt das eher Ihre Einstellung dem Freund oder dem Alkohol gegenüber?

An dem Tisch, an dem Sie sitzen und eben noch genussvoll gegessen haben, entdecken Sie jetzt leer gegessene Porzellanteller und Glasränder, auf denen nun Fettspuren zu sehen sind. Es erweckt ein Gefühl der Trostlosigkeit in Ihnen. – Glauben Sie, dieses Gefühl ähnelt dem Ekel der Fischer von Balbeck, über die Proust schreibt, dass sie sich vor den Fenstern nobler Restaurants wie vor einem Aquarium zusammendrückten, um die schmausenden Gäste baldmöglichst wie molluskenartige Wesen zu zerquetschen, – jedoch mit dem Unterschied, dass im besagten Fall der Ekel Sie selbst betrifft?

Wann würden Sie ein noch halb gefülltes Glas an eine Wand werfen? Und wie wichtig wäre es, dass man Sie dabei beobachten und mit Beifall bedenken könnte?

Glauben Sie, dass es eine tief liegende Sehnsucht nach dem animalischen Schlürfen von Flüssig-keiten und dem tierartigen Zernagen von Fleisch im so genannten kultivierten Menschen gibt? Oder ist das nur eine symbolische Träumerei stellvertretend für verdrängte sexuelle Lüste?

Würden Sie einer Wette zustimmen, bei der Sie hundert Euro gewinnen könnten, wenn Sie in einem öffentlichen Lokal, umgeben von angetrunkenen Menschen, zwölf halbe Liter Bier hintereinander weg trinken müssten? Nehmen wir zudem an, die Situation käme in einer Zeit finanzieller Schwierigkeiten. Wenn Sie der Wette zustimmen würden und gewinnen, was würden Sie sich von dem gewonnenen Geld kaufen? Und welche Bedeutung hätten für Sie die Blicke eines einzigen Zuschauers, der vielleicht der Mensch ist, der Sie am besten kennt und der Ihr Nein erwartet?

Ein Zug ist entgleist. Sie sitzen in einem der hinteren Waggons, in dem niemand zu Schaden gekommen ist. Die Leute in ihrem Abteil sind Ihnen nicht sonderlich sympathisch, um nicht zu sagen widerwärtig. Einer von ihnen, ein ziemlich arrogantes Arschloch, ist ebenfalls sehr erleichtert über die ausgebliebene Katastrophe und lässt eine Flasche Bier kreisen, um auf das Glück der Situation anzustoßen. Würden Sie, sobald die Flasche zu Ihnen kommt, zunächst mit dem Daumen über die Öffnung der Flasche fahren, um sie zu reinigen?

Würden Sie einem offensichtlich sehr durstigen Hund Bier in seinen Napf schütten, wenn das die einzige Flüssigkeit wäre, die Sie bei sich hätten? Und angenommen, Sie könnten es sich in einem Traum aussuchen: wären Sie in einer solchen Situation lieber der Napf, der Hund oder Sie selbst?

In welchen Momenten ist für Sie ein Gespräch über das Essen und Trinken ein herrlicher, kaum hoch genug einzuschätzender Ersatz für Mitteilungen über die komplexen Zusammenhänge Ihres Gefühlslebens?

geboren 1975 in Zittau (Sachsen), lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin und Kufstein (Tirol). Wichtige Veröffentlichungen: „Der Fremdländer“ (2003), „Samuels Reise“ (2005), „Der Widerstand der Wörter“ (2006), „Radio Babylon“ (2008; Libretto für das gleichnamige Ska-Musical).